Fast & Furious 8

Es beginnt mit einem illegalen Straßenrennen auf Kuba, als kleinem Rückgriff auf das, was die „Fast & Furious“-Serie (fd 35 086) anfangs einmal gewesen ist: ein Kräftemessen unter coolen Kerlen, bei dem nur der Sieg und der Rausch der Geschwindigkeit zählten. Hier, an den sonnendurchfluteten Stränden Havannas, tragen die Mädchen noch knappere Shorts und noch kürzere Miniröcke, die getunten Straßenkreuzer älteren Jahrgangs heulen noch lauter.

Fast & Furious 8

Doch das Gerangel um Mädchen und Motoren wandelt sich unter der Regie von F. Gary Gray rasch zu einer James-Bond-Paraphrase, bei der die Attraktionen, vom spektakulären Schauplatz bis zur weltumspannenden Bedrohung, im Vordergrund stehen.

Eigentlich wollte Dom, wieder dargestellt von Vin Diesel, die Flitterwochen auf Kuba verbringen. Doch eine geheimnisvolle Schönheit mit langen blonden Rasta-Locken zeigt ihm, unsichtbar für den Kinozuschauer, ein Handy-Video, das Dom unsanft in ihre Dienste zwingt. Charlize Theron spielt diesen weiblichen Bösewicht, eine geniale Hackerin namens Cipher, mit bedrohlicher Attitüde, aber ohne Ironie. Schauplatzwechsel. Berlin: Dom und seine Crew, darunter der DSS-Agent Hobbs (wieder Dwayne Johnson), stehlen eine EMP-Bombe, mit der man die Elektronik im engeren Umkreis ausschalten kann. Doch plötzlich reißt Dom die Bombe an sich und liefert sie bei Cipher ab, was zum Bruch mit seinem Team führt. Womit hat die blonde Hackerin Dom in der Hand? Und was führt sie im Schilde?

Regisseur F. Gary Gray inszenierte 2003 ein überraschend unterhaltsames Remake von „The Italian Job“ ((fd 36 214); das Original: (fd 16 319)). In der aufregendsten Sequenz rasen dort mehrere Mini-Cooper mit der gestohlenen Beute durch das U-Bahn-Gewirr, und auch hier arrangiert der Regisseur in New York einen Angriff auf den russischen Botschafter, der die Zugangsdaten für russische Atombomben bei sich trägt, wie ein Ballett, bei dem Dutzende von Autos, von Cipher ferngesteuert, Wege verstellen und Richtungen erzwingen. Bis sie, aus den oberen Stockwerken eines Parkhauses purzelnd, das anvisierte Opfer förmlich einschließen.

Es ist allerdings das einzige Mal, dass Gray den Zuschauer mit einer einfallsreichen Choreografie zum Staunen bringt. Denn „Fast and Furious 8“ bewegt sich allzu rasch im Fahrwasser eines abwegigen Verschwörungsthrillers, bei dem ein weiblicher Superbösewicht Chaos und Anarchie verbreiten will. Der permanente Zugriff auf Bilder von Überwachungskameras, Handys, Spiegel oder Bordcomputer der Autos signalisiert hier nichts Kritisches oder Doppelbödiges, sondern verleiht dem Film einen nervösen, hektischen Rhythmus, der paradoxerweise den Überblick verweigert: Alles ist hier anscheinend möglich!

Das Hauptaugenmerk der Handlung gilt allerdings etwas anderem: der Frage, warum sich Dom so abrupt von seinem Team abgewandt hat. Die Darstellerleistung von Vin Diesel ist dafür keine Hilfe: Zähneknirschend, maulfaul und selbstgefällig gibt er einmal mehr den unschlagbaren Helden, der noch ein As im Ärmel hat. Die oberflächlichen Dialoge über die Bedeutung von Familie, die durch Jason Statham und Luke Evans als ungleiche Brüder (und Söhne von Helen Mirren, die auf Seite der Guten die Fäden in der Hand hält) noch gespiegelt wird, tragen ein unpassendes Pathos in den Film. Zur Familie gehört auch Nachwuchs, doch wenn Statham bei einer Schießerei ein Baby im Arm hält, ist das weder originell noch witzig, sondern bei John Woos „Hard Boiled“ (fd 30 440) geklaut.

Der fehlende Humor ist generell ein großes Manko des Films. Die Streitereien zwischen Dwayne Johnson und Jason Statham ermüden in ihrer Albernheit; Johnsons Übereifer beim Trainieren einer Mädchenfußballmannschaft wirkt schlicht lächerlich. Und im Finale verfolgt ein russisches Atom-U-Boot das übers ewige Eis der Barentssee rasende Team wie ein aufgebrachter Killerwal. An Gigantomanie ist dieser aufgeblasene, laute Showdown nicht mehr zu überbieten. Und auch nicht an Belanglosigkeit.

Michael Ranze, FILMDIENST 9/2017