Firildak Ailesi

Bunt und garstig: Nachdem ein Drache versucht hat, das Dorf zu zerstören, werden die Frauen entführt! Erst da merken die Männer, was sie an ihnen haben. Temporeicher Animationsfilm aus der Türkei, der mit einer Mischung aus naiven Figuren und schrägen Untertönen Jung und Alt gleichermaßen anzusprechen versucht. Die 2013 gestartete TV-Animationsserie „Fırıldak Ailesi“ schaffte es bis 2015 in drei Staffeln auf insgesamt 60 Folgen.

Firildak Ailesi

Die Figuren um den biederen, etwas tolpatschigen Sabri Fırıldak, seine Frau Yıldız, die dicke Oma Dürdane und die Kinder erinnern vom Layout her an Mario Kart, der in eine am digitalen Reißbrett des Computerspiels Minecraft entstandene mittelalterliche Landschaft versetzt wurde. Doch so naiv, wie diese Charaktere mit ihren rundlichen Gesichtern aussehen, sind sie im „Fırıldak Ailesi“-Kinofilm beileibe nicht. Bereits die ersten Szenen des Animationsspielfilms stecken die Banden ab, zwischen denen im Folgenden wie auf Speed nette Familienunterhaltung und galliger Erwachsenenhumor hin- und hergespielt werden. Da schuften die Frauen auf den Feldern, werden von Ochs’ und Mann vor den Karren gespannt, während sich das männliche Geschlecht im Wirtshaus amüsiert. Da spült Sabri seinen Stuhl beim Kreuzworträtsel herunter, dessen Lösung ihm bei der Klospülung kommt: „Wassergeräusch auf Alttürkisch – cup (zu deutsch etwa: flotsch)“. Und kurz darauf kommt ein Drache, der seinen Kopf wortwörtlich in jedes Haus des Dorfes steckt, um danach die ganze Siedlung in Flammen zu setzen.

Natürlich könnte man versuchen, hier einen kritischen Kommentar auf Recep Tayyip Erdoğans Idee zu interpretieren, das moderne Türkisch zu re-osmanisieren. Und allwissbegierige Spitzel sehen, die einen taktischen Flächenbrand inszenieren. Muss aber nicht sein. „Fırıldak Ailesi“ ist ja vor allem eine temporeiche Animation, die die Gesetze von Raum, Zeit, Geschichte und Geschwindigkeit außer Kraft setzt: mit von Baum zu Baum schnellenden Pfeilen, Regenwürmern, die erfolgreich vor Hühnern flüchten, Dörflern, die den bösen Geistern Frösche als Opfergabe überreichen, Mittelerde und Internetportalen, Traummännern und Schlagersängern. Kurz: eine atemberaubend schnell geschnittene Mischung aus Anspielungen, Märchenzitaten, Albernheiten und Vulgarität, in deren Mitte der Spießer Sabri in seinem Klohäuschen thront und vom kleinen Glück träumt.

Doch dazu kommt es nicht, denn im Ort auf der anderen Seite des Waldes, beim Stamm der Orks, gibt es Nachwuchsprobleme: die Frauen fehlen, und also gibt es bald keine Kinder mehr. Eines Nachts, als die Männer in Sabris Dorf mal wieder auf der Piste sind, klauen ihnen die Orks unter ihrem eitlen König Tarumar die Frauen. Was erst einmal gar nicht so schlecht ist . „Jetzt muss ich nie wieder den Klodeckel zumachen“, freut sich einer der Männer des Dorfes, die aber schon bald feststellen müssen, dass ohne Frauen nichts mehr klappt im Alltag. Und so melden sich erst die Unzufriedenheit, und dann Volkes Stimme zu Wort. „Die Zwerge aus dem Nachbardorf sind schuld“, heißt es übereilt. Folgerichtig werden die Waffen gespitzt, die Stimmen lauter, man zieht mit „Allah“- und „Freiheit“-Rufen in die Schlacht gegen die Nachbarn – nur Oma Dürdane, von den Orks zusammen mit der hübschen Hamiyet versehentlich zurückgelassen, behält die Nerven, ruft zur Einheit und zum gemeinsamen Kampf gegen die Unterdrücker auf.

So entwickelt „Fırıldak Ailesi“ hinter seiner naiven Fassade und seiner Freude an der Ironie – Supermacho Tarcan bekommt hier genauso wie der Ex-Fußballer und heutige Schunkel-Schlagerstar Mahmut Tuncer sein Fett weg – gleich mehrere David-gegen-Goliath-Botschaften. Da träumt gerade jemand davon, dass „die Einparteienherrschaft gar nicht so schlecht“ sei, um im nächsten Moment von der Erkenntnis aus dem Schlaf geweckt zu werden, dass die Frauen entführt wurden. Da wird Oma, zu dick und fast blind, zur Anführerin wutbürgernder Dorfpatriarchen. Und da reibt sich Sabri nach dem Schlachtruf „Wir sind nicht zum Kriegen, sondern zum Sterben hier“ mit einem verblüfften „Wozu sind wir hier – weiß auch nicht“ die Nase.

Ein Schelm, der dabei an den geschichtsverklärenden Mythos des Atatürk denkt, der seinen Sieg in der Schlacht von Çannakale mit der Order an seine Soldaten „Ich befehle Euch, zu sterben“ einleitete. Ein Schelm vielleicht, der diese fulminante Animationssatire mit ihren schnellen Schnitten, hinter denen sich die menschlichen Synapsen nicht immer zeitnah zu schließen vermögen, als wie auch immer geartete Gesellschaftsmetapher abtut. Denn schließlich gibt es zwei Happy Endings: Sabri und Yıldız versöhnen sich, und der schlaue, aber schüchterne Zeki, so eine Art Ich-Erzähler der ganzen Geschichte, heiratet die schöne Hamiyet. Während Obermacker Tarcan genauso außen vor bleibt wie die patriarchale Moral der Vorkriegszeit. Eine Animationskomödie, die es vom Production value locker mit vergleichbaren Produkten aus dem Hause Disney/Pixar aufnehmen kann. Und sich mit ihrem spöttischen, zuweilen vulgären Witz auf der einen und den rundlich-naiven Figürchen auf der anderen Seite wohltuend gegen alle Regeln von zielgruppenspezifischer Filmproduktion auflehnt. Für die Großen zu bunt, für die Kleinen zu garstig? „Fırıldak Ailesi“ zeigt, dass es trotzdem geht. In viele Richtungen mutiges Kommerzkino.

Bernd Buder, FILMDIENST 4/2017