Fist Fight

Letzter Schultag vor den Sommerferien in der Roosevelt High School, irgendwo im US-amerikanischen Bundesstaat Georgia. Für die Schüler bedeutet der „Prank Day“ in erster Linie eine Mordsgaudi, denn an diesem Tag darf man über die Stränge schlagen. Was einst als eine harmlose Form von Schulstreichen begann, bewegt sich inzwischen aber auf Hochtechnologie-Niveau mit Gewalt gegen Sachen, Tiere und Lehrkörper.

Fist Fight

Da galoppiert schon mal ein mit Crystal Meth gefüttertes Pferd durch die Flure des Schulgebäudes und zieht Lehrer hinter sich her, deren Körper mit Farbe gefüllte Sprengfallen auslösen.

Die Schulwelt an der Roosevelt High ist generell ziemlich aus den Fugen. Dazu passt nicht nur das Leistungsniveau in Sport, Geschichte und Literatur, sondern auch der durchpornografierte Schulalltag. Und der Umstand, dass die Mehrzahl der angestellten Lehrer am letzten Schultag entlassen werden und darauf hoffen, am Ende der Ferien wieder eingestellt zu werden und nicht den Sparmaßnahmen der Bürokratie zum Opfer zu fallen.

Angesichts dieser Misere kann man verstehen, dass der cholerische Geschichtslehrer Strickland sehr altmodisch auf eiserne Disziplin und dabei vor allem auf seine monströs gewalttätige Ausstrahlung setzt. Vor ihm kuschen sogar die aufmüpfigsten Schüler. Selbstredend ist er auch unter den Kollegen gefürchtet. Sein Motto: „Wer petzt, wird zerfetzt!“ Und: Handeln hat Konsequenzen.

Der schmächtige Literaturdozent Campbell ist dagegen aus ganz anderem Holz geschnitzt; ein Duckmäuser, der Konflikten nach Möglichkeit aus dem Weg geht und es allen Recht machen will. Campbell hat auch ohne Kündigung schon Probleme genug. Sein Fach ist wenig angesehen, zu Hause regiert seine schwangere Frau, und seine Tochter scheint ganz nach ihm zu kommen. Er wird zufällig Zeuge, wie Strickland in einem Wutanfall gegenüber einem Schüler zur Feuerwehraxt greift und damit die ganze Klasse traumatisiert. Als der Schulleiter mit Entlassung droht, verpetzt Campbell den Lehrer, der ihn zum Faustkampf herausfordert.

Um einer psychisch wie physisch äußerst schmerzhaften Erniedrigung zu entgehen, setzt Campbell Himmel und Hölle in Bewegung. Doch es spricht sich wie ein Lauffeuer herum, dass der Faustkampf zwischen den Lehrern zum Höhepunkt des diesjährigen „Prank Day“ zu werden verspricht. Als Campbell weder beim Sicherheitsdienst noch bei der Polizei Unterstützung findet, greift er zu allerlei Intrigen, deren rassistische Untertöne nicht zu überhören sind und die Campbell auch erpressbar machen. Je näher der Zeitpunkt des Kampfes rückt, je mehr Campbell merkt, dass sein routiniertes Durchlavieren nicht mehr hinreicht, um die Vielzahl seiner Probleme zu lösen, desto schärfer und unmissverständlicher artikuliert er seine Eigeninteressen. Oder, um es mit Strickland zu formulieren: Dem Weichei wachsen Eier.

Der Film von Richie Keen spart nicht mit drastischen, politisch unkorrekten Witzen. Doch hinter einem Wust aus schlüpfrigen Anzüglichkeiten, einem aufgedreht vorgetragenen Primitivismus und Lug und Trug verbirgt sich die ziemlich simple Geschichte einer Mannwerdung durch Rückversicherung der eigenen Körperlichkeit. Was den Schülern ein Vorbild bieten soll. Die Schule ist kein Ort der Vermittlung von Bildung mehr, sondern ein Hort des krudesten Sozialdarwinismus, wo Triebe nicht länger durch Diskurse gedeckelt werden, wenn es darum geht, sich Zukunftschancen und den Zugang zu teurer Informationstechnologie zu sichern.

„Fist Fight“ ist eine tiefer gelegte Version von „Fack Ju Göhte“ (fd 42 025), die sich ganz auf die einschlägige Lehrerfortbildung konzentriert. Letztlich geht es um Strategien zum Erwerb von Autorität, die sich dann auch Gesten pragmatischer Solidarität gegen das Establishment leisten kann.

Am Ende hat die Roosevelt High School fürs nächste Schuljahr gleich zwei Alphatiere im Angebot, und Campbells niedliche Tochter hat beim Talentwettbewerb das konkurrierende It-Girl durch eine in HipHop verpackte sexistische Schmähtirade ausgestochen. Ein Happy End? Man kommt nicht umhin, „Fist Fight“ für eine ziemlich realistische, weil auch in der Wahl der Mittel zutiefst unentschiedene, mal drastische, mal ungelenke, mal dümmliche Satire auf Donald Trumps Amerika zu halten.

Ulrich Kriest, FILMDIENST 6/2017