Istanbul Kirmizisi

Nach 20 Jahren in London kehrt ein türkischer Schriftsteller in seine Heimatstadt Istanbul zurück und wird von einer Reihe mysteriöser Umstände gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ein ruhig und pointiert inszeniertes existenzielles Drama, unter dessen aristokratischer Oberfläche die innere Unruhe der Protagonisten nur mit zuweilen zynischer Disziplin zu bändigen ist.

Istanbul Kirmizisi

Nach 20 Jahren in London kehrt ein türkischer Schriftsteller in seine Heimatstadt Istanbul zurück und wird von einer Reihe mysteriöser Umstände gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ein ruhig und pointiert inszeniertes existenzielles Drama, unter dessen aristokratischer Oberfläche die innere Unruhe der Protagonisten nur mit zuweilen zynischer Disziplin zu bändigen ist.

Mit der türkisch-italienischen Co-Produktion „Istanbul Kırmızısı“ (Rotes Istanbul) dreht auch der Wahl-Italiener Ferzan Özpetek nach 18 Jahren erstmals wieder in der Türkei. Es liegt nahe, dass die Gedankenwelt des Schriftstellers Orhan, der seinen Kollegen Deniz besucht, um ihm bei der Entwicklung eines Buches zu helfen, auch autobiografische Züge trägt. Zunächst stellt ihm Deniz seine Familie vor: den neidischen Bruder Sultan, die despektierliche Schwester Sibel, die übergriffigen Tanten Güzin und Zeynep sowie die enigmatische Übermutter Süreyya. Ihr Zusammenleben in der stilvollen roten Villa am Bosporus ist von bürgerlichem Anstand und unterdrückten Konflikten geprägt, die auch dann nicht aufbrechen, als Deniz am nächsten Morgen spurlos verschwunden ist.

Orhan, der eigentlich nur ein paar Tage hier bleiben wollte, ist gezwungen, sich mit Land und Leuten neu zu arrangieren. Sein Freund Deniz gibt zwar das Motto aus: „Wer an die Vergangenheit denkt, verpasst die Gegenwart“; doch die Grenzen zwischen Gestern und dem Jetzt verlaufen fließend. Orhans Erinnerung an sein altes Stadtviertel Kalamış, wo er aufgewachsen ist, und die gestylte Gegenwart der Glasfassaden und Kunstausstellungen verschwimmen miteinander, ähnlich wie die Charaktere aus Deniz’ jüngstem Buch und ihre realen Vorbilder. Die geheimnisvolle Neval wirkt genauso verführerisch wie in der Fiktion, hat aber einen bodenständigen Ehemann an der Seite, der gutmütige, aber von Selbstzweifeln geplagte Yusuf ist in Wirklichkeit der Freund des homosexuellen Autors.

In all der Grenzenlosigkeit zwischen Heute und Gestern, Realität und Fiktion, zwischen Anstand und verdrängten Emotionen bleibt Orhan allein zurück. Er stellt sich seiner Vergangenheit, der Mitschuld am Tod seines Kindes, seiner Flucht vor der Verantwortung und dem inneren Rückzug in die Gefühllosigkeit. Mit den Erinnerungen kehren, verhalten, auch die Emotionen zurück. Hier hat einer, wenn auch gezwungenermaßen, seine Heimat wiedergefunden.

Dabei ist das Land, wohin er zurückkehrt, längst ein anderes geworden. Stahl, Glas und viele Filialisten statt schmaler Gassen und kleiner Läden prägen die Stadt der Erinnerung. Am Straßenrand blitzen dafür immer wieder Zeichen der politischen Konflikte auf: eine kurdische Familie, deren Haus „wegen der Gefechte“ zusammengestürzt ist und die nun eine neue Bleibe sucht, die Samstagsmütter, die jede Woche die Wahrheit über ihre in den Jahren nach dem Militärputsch verschwundenen Kinder einfordern.

Wie das Land kommt auch Orhan nicht zur Ruhe. Öztepek inszeniert dessen Situation des inneren Exils mit distanzierter Anteilnahme, in die sich immer wieder Spott, Unverständnis und zuweilen sogar Zynismus über die Gefühlsverirrungen des Protagonisten mischt. Warum erzählt Orhan ausgerechnet Nevals Ehemann von seinen Gefühlen für dessen Ehefrau, obwohl die als Beobachterin direkt daneben steht? Warum füttert erst Deniz und nach dessen Verschwinden Orhan den nie vorhandenen Hund in der roten Villa? Und warum ist Deniz’ verborgenes Arbeitszimmer mit Zeitungsausschnitten über Folter, Morde und Freitode tapeziert?

Bei aller äußeren Gefühlslast bleibt der mit nicht zurückhaltend nostalgischer Opulenz gestaltete Film eine nachdenkliche, aber keineswegs grüblerische Reflexion. Spätestens wenn Hildegard Knefs Song „In dieser Stadt“ die Sollbruchstellen der bürgerlichen Seele markiert, wird deutlich: Hier geht es um mehr als Verzweiflung, nämlich um die Suche nach dem Mittelweg zwischen Sentimentalität, Erkenntnis und Realitätsbewältigung.

Bernd Buder, FILMDIENST 7/2017