John Wick: Kapitel 2

Ab dem ersten Bild ist die Hölle los. Autos röhren, Motorräder schreien, Blech knallt und birst, Menschen auch. Man wird Zeuge einer Verfolgungsjagd in New York, die John Wick zu einem versteckten Ford Mustang bringt. Bis er in dem Wagen am Steuer sitzt, müssen etliche Männer der Russenmafia sterben. Das ist die Strafe, weil einer von ihnen Wick im ersten Film (fd 42 876) bestohlen hat. Was die Russen jetzt bedauern, sofern ihnen Zeit zum Bedauern bleibt.

John Wick: Kapitel 2

Das Intro zum Sequel des Actionfilms glänzt jedenfalls stilgerecht mit Tempo, Dynamik und Kampfsport.

Dann aber fährt Wick nach Hause, schickt den Mustang in Reparatur und freut sich auf ein bisschen Ruhestand vor dem Kaminfeuer. Das aber wird ihm nicht vergönnt. Ein Kollege der italienischen Mafia taucht auf und bringt ein Angebot, das Wick nicht ablehnen kann. Schon muss er wieder los, seinem Killerberuf folgen, den er eigentlich nie mehr ausüben wollte. Das bereitet ihm entsprechend schlechte Laune. Von jetzt ab wirkt er, als wolle er sich entschuldigen für die vielen Leichen, die Wick, betont unfreiwillig, zurücklässt. Der restliche Film wird von dieser düsteren Gemütsverfassung überschattet: Gewalt, darauf weist Wicks Missmut hin, muss auch in einem Actionkracher kein Vergnügen sein.

Immerhin halten sich die Filme über ihn nicht lange mit der Realität auf. Sie führen konsequent durch Paralleluniversen, von denen der Normalbürger in Rom oder in New York keine Kenntnis hat. Man sieht die großen Städte mit ihren protzigen Bauten, aber das ist nur Fassade. John Wick und seine Kollegen bewegen sich weit jenseits dessen, in einer Schattenwelt der Hinterzimmer. Von dort aus wird das gesteuert, was gemeinhin als Wirklichkeit gilt, und zwar von diversen kriminellen Organisationen. Weder Gesetze noch deren Vertreter haben darauf einen Einfluss, die Öffentlichkeit ignoriert sowieso alles, was sie nicht auf den ersten Blick erkennt. Wicks Aufträge hingegen offenbaren, was im Verborgenen passiert, und sie stellen gleichzeitig die Blindheit aus, die den Alltag der Großstädter prägt. Das ist ein Teil dessen, was den Reiz der Drehbücher von Derek Kolstad ausmacht, der beide John-Wick-Filme geschrieben hat.

Um zu beweisen, wie unterschiedlich man Bilder deuten kann, je nachdem, was man über ihren Hintergrund weiß, versteckt Wick sich irgendwann unter den Bettlern von New York. Die sind überall, jeder kann sie sehen und übersieht sie doch, obwohl sie Straßen und U-Bahnhöfe komplett unter ihrer Kontrolle haben. Was immer in der Stadt passiert, wird von ihnen registriert. Das ist zwar keine neue Idee, aber ein gutes Beispiel für ein geheimes Imperium. Außerdem erfährt man etwas über die wahren Machtverhältnisse in New York, denn natürlich sind es die Bettler, die hier die eigentliche Herrschaft ausüben.

Wicks ursprünglicher Auftrag ist ein Mord in Rom, den er mit der üblichen Präzision zu Ende bringt. Zurück in Amerika wird er allerdings verraten. Nun ist ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, das jeder Killer, der sich das zutraut, verdienen kann. Das multipliziert die Kämpfe, die Wick bewältigen muss. Der Ruhestand wird erneut verschoben, denn neben der Verteidigung gegen Kopfgeldjäger von unterschiedlichem Niveau will sich Wick an den Drahtziehern rächen.

Die Regie liegt auch im Sequel bei dem ehemaligen Stuntman Chad Stahelski. Stahelski kennt die Tradition des Genres, er weiß, dass Action etwas fürs Auge bieten muss. Wenn die Leinwand nicht bildfüllend in Flammen steht, lohnt der Blick nicht. Folglich wird an Feuerzauber nicht gespart, insbesondere beim Showdown in einem riesigen Spiegelkabinett: Die Explosionen von Glas, Farben, großkalibrigen Geschossen vervielfältigen sich entsprechend, mal real, mal als Täuschung. Nach dieser künstlerischen Herausforderung ergibt sich für den mürrischen John Wick trotzdem keine Pause im Ruhestand. Bei der Menge an Gegnern, die er sich in dieser Folge macht, wird er mindestens noch ein Sequel durchstehen müssen.

Doris Kuhn, FILMDIENST 4/2017