Kötü Çocuk

Eine Teenie-Romanze aus der Türkei, bei der ein geheimnisvoller junger Mann auf seine Traumfrau trifft und nachher doch alles anders ist, als es zunächst schien: „Kötü Çocuk“ verbindet – zuweilen intelligent – Rollenspiel und Pathos, rutscht aus Verbeugung vor den vermeintlichen Vorlieben des Zielpublikums am Ende aber ins Kitschige ab. Im Leben der selbstbewussten Oberschülerin Kayla, die von ihrer Mutter aufgezogen wurde, taucht urplötzlich der verlorene Vater auf.

Kötü Çocuk

Vural hatte sich gleich bei Kaylas Geburt aus dem Kreißsaal verdünnisiert, es danach aber zum schwerreichen Manager gebracht und möchte nun sein schlechtes Gewissen stillen, in dem er die zielstrebige Tochter in seine Obhut nimmt. Kayla wehrt sich auf ihre Art. In der Elite-Schule, an die sie ihr „biologischer Überfluss“, wie sie ihren Erzeuger abschätzig statt „Vater“ nennt, angemeldet hat, sucht sie den Kontakt zu den Stipendiumsschülern – der „Abschaum“, der nicht aus reichem Hause kommt und über den alle schlecht reden, der aber recht attraktiv in seiner Ecke des Schulhofs auf dicke Hose macht. Vor allem hat sie es auf den geheimnisvollen Meriç abgesehen, der nichts von sich preisgibt und keine Neugier gestattet.

Meriç nimmt Kayla mit auf seine Ausflüge in düstere Unterwelt-Etablissements und auf das Dach des höchsten Wolkenkratzers der Stadt, er entführt sie in sein „Rückzugsgebiet“ – einen alten Bauernhof, in dem er ein Maler-Atelier eingerichtet hat –, und steht nachts unverhofft am Rande ihres Betts. Eigentlich wollte Kayla mit der demonstrativen Nähe zu dem undurchsichtigen Draufgänger nur den Hass ihres Vaters auf sich ziehen, doch als der mit einer ernsthaften Entschuldigung doch noch das Herz seiner Tochter erobert, stellt Meriç eindeutige Besitzansprüche, schickt eine aggressive SMS, in der er sie auffordert, einzig ihm zu gehorchen. Was als Spiel begann, wird mit dieser Drohung vorübergehend spannend.

So spitzt sich die Verfilmung von Büşra Küçüks angeblich hundert Millionen Mal über das Internet verkauftem gleichnamigen Roman „Kötü Çocuk (Böser Junge)“ allmählich zu einem Rollenspiel zu. Ähnlichkeiten zu „Twilight – Biss zum Morgengrauen“, der Geschichte der jungen Frau, die aus dem Schoß ihrer Mutter zu ihrem Vater zieht und sich dort in einen geheimnisvollen jungen Mann verliebt, dürften nicht zufällig sein. Und auch nicht die küchentischpsychologisch unterbauten Wendungen der Charaktere: wer ist dieser geheimnisvolle Junge, den das Drehbuch zielgruppengerecht recht nah am Charakter des Edward Cullen konstruiert hat? Und wer diese Kayla, die sich, eigentlich fast schon feministisch selbstbewusst, hoffnungslos in den selbstinszenierten Außenseiter verliebt hat, aber nur „Gast in dessen verlorenem Leben“ sein darf? Die Auflösung bringt eine Party in einem mondänen Hotel, auf die Kayla im Internet aufmerksam wird: hier, so heißt es auf Facebook, würde sie erfahren, wer Meriç eigentlich ist. Dort steht er dann auch, aber nicht, wie gewohnt, in Springerstiefeln, engen Jeans und offenem Mantel, sondern im adretten Anzug: auch der „böse Junge“ gehört also zum oberen Volk. „Böse“ wurde er aus Rache an seinem eigenen Vater – einem Vater, der sich seine Frauen inklusive Meriç’ Mutter mit schmutzigem Geld gekauft hat – „nur mich konnte er nicht kaufen.

Das ist, unterlegt mit energetisch aufgeladener Rockmusik, eine barock eindimensionale Botschaft zwischen Abenteuer, Romanze und Sozialdrama. Immerhin kann man den kleinen und sukzessive größeren Fluchten, die die beiden jugendlichen Protagonisten vor einer verlogenen Erwachsenen-Welt in immer komplexere Rollenspiele führt, eine revolutionäre Romantik nicht absprechen. Da ist auf der einen Seite die Doppelmoral des Establishments, die sich in der existenzialistischen Schizophrenie von Kayla und Meriç reproduziert – und auf der anderen Seite eine Zuneigung zwischen diesen beiden, ein Gefühl von Echtheit im Falschen, von Authentizität. Schade nur, dass diese Liebe mit zunehmender Dauer des Films ins Kitschige gesteigert wird – wenn Kayla zwischen Ölbildern aufwacht, die, von Meriç gemalt, ihr Portrait zeigen, oder wenn es heißt: „Wo du nicht bist, geht keine Sonne mehr für mich auf.“

Immerhin hat das Filmteam um Regisseur Yağiz Alp Akaydın genug Humor, das Rollenvorbild Cullen in einem Schulhof-Dialog erwähnen zu lassen, und die Chuzpe, seine Helden auf krummen Wegen und voller Selbstbewusstsein ins Happy-End zu schicken. Und vermitteln, ihre urban geprägte, junge Zuschauerschaft streng im Blick, eine emotionale Energie, die väterlichen Regeln, männlichen Besitzansprüchen und intrigantem Standesbewusstsein für zwei Stunden den Kampf ansagt. Womit in diesem durch und durch kommerziellen Produkt die tröstliche Feststellung mitschwingt, dass sich manche Entwicklungen von Geschichte und Gesellschaft vielleicht nicht mehr zurückdrehen lassen.

Bernd Buder, FILMDIENST 4/2017