Kokolampy

„Ich könnte dir etwas zeigen, aber dazu musst du mitkommen!“ Mit dieser vielversprechenden Einladung eines Kindes auf einer staubigen Landstraße in Madagaskar beginnt eine betont essayistische Recherche, die sich anfangs um ein verschwundenes Riesenei des ausgestorbenen Elefantenvogels dreht.

Kokolampy

Diese doppelte Abwesenheit verdankt der Film von Hajo Schomerus dessen Großonkel Menko, einem weltgewandten Abenteurer und Geschichtenerzähler, der in den Kindheitserinnerungen des Dokumentarfilms mit immer neuen Extravaganzen präsent ist.

Auf der Grundlage von Fotos und Super-8-Filmen setzt Schomerus ein ebenso faszinierendes wie mysteriöses Puzzle zusammen, das aus einem Abenteuerroman stammen könnte. Schlüsselbegriffe, die einst Schomerus’ jugendliche Fantasie befeuerten, lauten „Madagaskar“ oder „Diamantenmine“. Als was genau und wo in Madagaskar der Großonkel tätig war, bleibt unklar. Auch der Grund, warum er eines Tages, als eine den Europäern nicht wohlgesonnene sozialistische Regierung an die Macht kam, das Land nach über 40 Jahren fluchtartig verließ, belässt der Film im Dunkeln. Ein Gedanke, nur eine Vermutung: „War mein Onkel da in irgendetwas verwickelt?“ Menko hat darüber nie gesprochen, wurde allerdings auch nicht danach gefragt. Eine Beobachtung, die einem aus der jüngeren Mentalitätsgeschichte seltsam bekannt vorkommt.

Als Erinnerung an die Jahre in Madagaskar fungierte das Riesenei des wertvollen Elefantenvogels, das auf alten Fotos zu sehen ist. Im Nachlass aber lässt sich das Relikt nirgends auffinden. Da die Familiengeschichte ihre Geheimnisse wahrt, begibt sich der Filmemacher auf eine Reise. Nicht nach Madagaskar, sondern zunächst in die Archive von Auktionshäusern und Naturkundemuseen, in Forschungsinstitute und Gewächshäuser, angereichert mit etwas Kulturgeschichte zur exotistischen Projektionsfläche „Madagaskar“ mit seiner spektakulär-spekulativen und endemischen Flora und Fauna.

Die Recherche führt von Stöckchen auf Hölzchen. Menko lernte seine spätere Ehefrau auf Madagaskar kennen, eine mittlerweile auch schon verstorbene Ethnologin, deren Vermächtnis – sie hatte sich nicht nur mit der Familie Schomerus verkracht – wiederum von Schweizer Missionaren ausgeschlagen wurde. Als auch diese Spur ins Nichts führt, kommt man als Zuschauer irgendwann auf die Idee, es bei „Kokolampy“ mit einer augenzwinkernden Mockumentary zu tun zu haben. Zumal Schomerus selbst Akteure ins Spiel bringt, mit denen nicht zu rechnen war, nämlich die titelgebenden Kobolde des Mahafali-Stammes. Die, so Schomerus, waren für alles verantwortlich, was Menko rätselhaft geblieben sei: „Wenn etwas auf unerklärliche Weise geschah. Oder verschwand.“ Und hier verschwindet dauernd etwas. Mal ein Riesenei, mal Forschungsunterlagen oder ganze Forschungsinstitute. Denn Menkos Frau, die Ethnologin, sammelte auf Madagaskar für wissenschaftliche Zwecke Medizinpflanzen für den Chemie-Giganten Ciba-Geigy, der 1996 mit der Sandoz AG zur Novartis AG fusionierte, deren „Forschung“ nach eigenen Angaben „verantwortungsvoll“, aber nicht kommunizierbar ist. Hat die Pharmaindustrie indigenes Wissen geschmuggelt und dann industriell genutzt? Was einst geschah, wirkt bis in die Gegenwart Madagaskars fort – und würde heutzutage als milliardenschwere Bio-Piraterie international verfolgt oder auch nur „vielleicht verfolgt“, wie ein Experte zu bedenken gibt.

Schließlich führt die Recherche doch noch in den Süden Madagaskars, wo man die Kunst des „Große Geschichten-Erzählens“ pflegt. Diese Kulturtechnik (und das Ei des Elefantenvogels) hat Menko zur Unterhaltung seiner jungen Verwandtschaft mit nach Westdeutschland gebracht. Das Ei ist verschwunden, aber das Geschichten-Erzählen wurde offenkundig weitergegeben. Am Ende fragt der Filmemacher aus dem Off: „Was suche ich hier eigentlich?“ Und ein einheimischer Gewährsmann fragt in die Kamera: „Habt ihr mehr erwartet?“

So bleibt der Film am Ende eine Antwort auf die Ausgangsfrage schuldig. Die spannende Recherche hat als Verschränkung von Familien- und Kolonialgeschichte aber zu immer neuen Fragen geführt. So endet der Film dort, wo er begann: auf einer Landstraße mit Kindern, die ebenfalls große Geschichten erzählen können. Eines der Kinder führt den Filmemacher an den Strand, der von Scherben übersäht ist. Oder sind das Eierschalen?

Ulrich Kriest, FILMDIENST 4/2017