Kolonya Cumhuriyeti

Peker Mengen, der populistische Bürgermeisterkandidat des 5000-Seelen-Ortes Dikburun, verspricht den Ort im Falle seines Wahlsieges zur Bezirksstadt zu machen, den türkischen Ministerpräsidenten einzuladen und die Sängerin Rihanna für eine Gemeindeversammlung zu verpflichten. Aus diesen Wahlversprechen wird nichts, aus dem Wahlsieg aber schon etwas. Was Mengen vor einem Glaubwürdigkeitsproblem steht.

Kolonya Cumhuriyeti

Zumindest der Ministerpräsident lässt sich auf einen Besuch ein, als Mengen im Lokalfernsehen droht, sich vor laufender Kamera selbst zu verbrennen. Als das Staatsoberhaupt wirklich auf dem Dorfplatz vorfährt, versenken die aus einer alten osmanischen Kanone abgefeuerten Salutschüsse allerdings versehentlich ein US-amerikanisches Kriegsschiff. Was einen politischen Teufelskreis in Gang setzt. Die US-Amerikaner sind stinksauer, die Türkei entlässt Dikburun unehrenhaft in die Eigenstaatlichkeit und unterbricht die Straßenverbindung zur Halbinsel. Damit stehen Mengen und sein ebenso vertrotteltes wie liebenswürdiges Beratergremium vor einem Problem: Wir gründet man einen Staat?

Per Zufall kommt man auf den Namen „Eau de Cologne“-Republik, die Hymne dichtet ein drittklassiger Unterhaltungssänger, und bei der öffentlichen Wahl zur First Lady drängelt sich die vulgäre Mualla in den Vordergrund. Unter deren biederer Lockentracht und dem sackähnlichen Blumenkleid verbirgt sich allerdings die reichlich sexy aussehende und dem US-Präsidentin loyal ergebene Agentin Smith, die die Politik des neuen Kleinstaates vom Schlafzimmer aus manipuliert. Denn inzwischen haben sich Russland und China auf die Seite der Eau-de-Cologne-Republik gestellt. China schickt immerhin ein in Kisten verpacktes Kampfflugzeug, während die USA ein Embargo verhängen: Kein Coca-Cola, kein Twitter und kein Justin Bieber mehr. Die Bewohner sind entsetzt.

Bis dahin arbeitet sich die Komödie von Murat Kepez mit reichlich drallem Humor an politischem Populismus und den Mentalitäten in der Provinz ab. Ihre Pfeile stechen mehr oder weniger tief ins Fleisch der politischen Kultur in der Türkei und zielen auf Patriotismus und emotionales Wutbürgertum, landsmännischen Stolz und internationale Popkultur. Versetzt allerdings mit einer Spur urbaner Arroganz. Denn als die Präsidenten von Russlands und Chinas mitsamt ihren Gattinnen zum Solidaritätsbesuch anreisen, fällt Mengen und seinen Getreuen nicht mehr als ein gemeinsames Autobierchen auf dem Parkplatz am Liebeshügel und ein Turbofolk-Abend mit Maitressen im Nachtclub ein.

Nach dem flauen Beisammensein auf dem Liebeshügel ziehen Russland und China ihre Unterstützung übrigens zurück, und die USA erklärt Eau de Cologne den Krieg. Weil Mualla alias Agentin Smith das alles viel zu weit geht und sie obendrein den Plan für einen Giftgas-Angriff auf das kleine Dorf entlarvt, läuft sie zum Gegner über und rettet die Welt vor den fiesen Absichten des US-Präsidenten, der, auf ein Whiskyglas gestützt, seine Angriffspläne zurücknimmt.

So folgt ein Agententhriller auf die Polit-Klamotte und verenden die nationalen Klischees aus der ersten Hälfte des Debütfilms in einer abgestandenen Satire, die nicht einmal von dem Außerirdische gerettet werden, der dem Kleinstaat in letzter Minute zu Hilfe kommt. Die Dramaturgie dieses mit Witzen und Anti-Witzen irritierend vollgemüllten Films ist nicht retten.

Die ET-Figur entdeckt im Islam übrigens eine Religion des Friedens und avanciert über Nacht zum Imam, was wie viele andere Pointen ein Kommentar auf die aktuelle politische Kultur in der Türkei ist: Warum schreiben hier immer wieder Populisten Geschichte? Warum will man ständig unabhängig sein, wenn man sich eigentlich Ruhe für den globalen Konsum wünscht? Und warum werden Außerirdische über Nacht zu religiösen Führern und dann auch noch vom ganzen Volk akzeptiert? Das sind richtige Fragen im falschen Film, denn am Ende ist „Kolonya Cumhuriyet“ nichts anderes als eine schlichte Klamotte.

Bernd Buder, FILMDIENST 10/2017