Kong: Skull Island

Angesichts der immer abstruseren Monster-Mutationen, die im „Sharknado“-Zeitalter auf dem Heimkinomarkt um Aufmerksamkeit buhlen, ist es eigentlich erstaunlich, wie sehr das Blockbusterkino an den Klassikern hängt. Nachdem das Produzenten-Team Thomas Tull, Mary Parent und Jon Jashni 2014 schon „Godzilla“ (fd 42 391) wieder belebt hat, ist nun „King Kong“ an der Reihe, der Großvater aller Kinomonster. Und der sieht dabei durchaus nicht alt aus.

Kong: Skull Island

In Sachen Creature Horror stimmt nämlich tatsächlich, dass viel auch viel hilft: Wenn genügend Budget und Know-how investiert werden, um die Kreatur und ihre Welt glaubwürdig zu gestalten, ist mit einem schlichten Riesenaffen immer noch mehr Staat zu machen als mit jeder noch so kuriosen Kreuzung, die billig nach Pixel oder Pappmaché aussieht. Das sinnliche „Wahrmachen“ des Monströsen und Unglaublichen ist und bleibt die zentrale Attraktion des Genres – und einer der zeitlosesten Zauber des Kinos.

Der Neuinterpretation des Stoffes durch Regisseur Jordan Vogt-Roberts gelingt dieser Zauber auf einem schlichten erzählerischen, technisch dafür umso aufwändigeren Niveau. Auf poetische Momente und einen Ausbau des Riesenaffen zum veritablen Charakter mit Gefühlsleben, wie sie Peter Jacksons Version (fd 37 405) liebevoll in Szene setzte, verzichtet der Film weitgehend. Der Plot zieht ebenso geradlinig wie effektiv einen Action-Parcours quer durch das vermeintliche Inselparadies Skull Island durch, bei dem es neben Konfrontationen mit Kong allerlei andere Gefahren zu überleben gilt.

Auch wenn der Film damit weniger ambitioniert an den Mythos des Riesenaffen herangeht, verkommt er nicht zum No-Brainer, was vor allem dem interessanten zeitlichen Kontext zu verdanken ist, in den der Stoff verlagert wird: Die Inszenierung versetzt ihn aus den 1930er-Jahren ins Jahr 1973, als der Vietnamkrieg gerade zu Ende ging und die NASA ihre Landsat-Satelliten ins All schoss, um die gesamte Erdoberfläche zu erkunden und die letzten „weißem Flecken“ zu tilgen.

Während die Satelliten einen guten Anlass liefern, um King Kong und Skull Island als cineastische Metaphern fürs Mythische zu beschwören, das der durchrationalisierten Moderne Widerstand leistet, liefert des Kriegsende den Anlass für eine kritische Auseinandersetzung mit menschlichen (und vor allem US-amerikanischen) Herrschaftsansprüchen. Die Expedition nach Skull Island, für die sich die Inszenierung immer wieder beim Motiv-Reservoir von „Apocalypse Now“ (fd 22 192) bedient, wird hier zur Verlängerung eines sinnlosen Krieges, bei dem die westlichen Eindringlinge auf exotischem Terrain nur Schaden anrichten und sich und andere gleichermaßen zu zerstören drohen. Wofür vor allem der von Samuel L. Jackson gespielte und frisch aus Vietnam herbeigeorderte Colonel Preston Packard steht, der mit einem Trupp junger Soldaten das Team der Forscher beschützen soll, sich aber schnell zu einer Art Captain-Ahab-Figur wandelt, die Kong erlegen und größenwahnsinnig beweisen will, dass der Mensch der „König“ über die Natur ist. Ihm stellen sich die Fotografin Mason Weaver und der britische Wildnis-Experte James Conrad entgegen, die durch den friedlichen Kontakt mit den Eingeborenen und durch einen verschollenen Veteranen, der seit den 1950er-Jahren auf Skull Island lebt, lernen, dass Kong fürs dortige Ökosystem höchst wichtig ist: Allein der Riesenaffe ist fähig, die hungrigen „Skullcrawler“ in Schach zu halten, die in Höhlen unter der Insel leben.

Die Verortung in den 1970er-Jahren liefert außerdem eine Steilvorlage, um optisch und musikalisch jenes Jahrzehnt zu feiern, in dem das Genre des Monsterfilms mit „Der weiße Hai“ (fd 19 584) zu neuer Größe auflebte. Dabei gelingen immer wieder Szenen, die ins cineastische Gedächtnis eingehen. Etwa wenn im ersten Actionhöhepunkt die Expeditionsteilnehmer das Sturmtief um Skull Island in dröhnenden Huey-Hubschraubern überwinden, nur um beim ersten Flug über die Insel den wie einen Berg aufragenden Kong zu treffen, der die fliegenden Kriegsmaschinen eine nach der anderen vom Himmel pflückt – eine schöne Rache fürs Kongs Tod im Klassiker von 1933 (fd 1760)!

Felicitas Kleiner, FILMDIENST 6/2017