Mein Leben als Zucchini

Sie habe gutes Kartoffelpüree gekocht, sagt Icare über seine Mutter. Und manchmal habe sie mit ihm auch gelacht. Außerdem gefällt ihm der Spitzname, den sie ihm gab: Zucchini. Doch nun ist sie tot. Gestorben bei einem Unfall, für den sich der Neunjährige verantwortlich fühlt. Als er zu laut mit den leeren Bierdosen seiner alkoholkranken Mutter spielte und sie ihn bestrafen wollte, stürzte sie die Treppe hinab.

Mein Leben als Zucchini

Da der Vater die Familie schon vor einiger Zeit verlassen hat, muss Zucchini in ein Kinderheim. Dort stammen die anderen Kinder größtenteils auch aus Familien, die alles andere als „heil“ sind.

Auf den ersten Blick sehen die Figuren mit ihren überdimensionalen Köpfen, den großen Augen und den dünnen langen Armen niedlich aus. Aber so künstlich und betont unrealistisch sie auch gestaltet sind, so menschlich und berührend ist das, was der Stop-Motion-Animationsfilm nach und nach über sie preisgibt. In ihren traurigen Augen spiegeln sich ihre traumatischen Erlebnisse. Wenn ein Mädchen einem anderen liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, dann ist beiläufig eine lange Narbe zu erkennen, die andeutet, was dieses Mädchen erlitten haben muss. Noch tiefer als die äußerlichen Verletzungen sind ohnehin die seelischen.

Es sind heftige Themen, die „Mein Leben als Zucchini“ aufgreift: Alkoholismus und Drogen im Elternhaus, häusliche Gewalt, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch. Alle Kinder sind gezeichnet. Nicht, weil sie etwas angestellt hätten, sondern weil sie Erwachsenen ausgeliefert waren, die sie nicht schützten und im schlimmsten Falle sogar misshandelten. Sie alle sehnen sich nach Liebe. Und glauben doch nicht mehr daran, dass es jemanden gibt, der sie lieben könnte. Dass man sich auf seine Eltern verlassen kann, haben die Kinder schon lange als Illusion erkannt.

Dennoch erzählt der Film auch von Hoffnung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten erweist sich der ruppige Anführer im Kinderheim, der seine Coolness als Schutzschild vor sich herträgt, als sensibel und verlässlich. Als Camille auftaucht, deren Vater erst ihre Mutter und dann sich selbst vor den Augen der Tochter getötet hat, kommt etwas Neues ins Spiel. Zucchini verliebt sich in das forsche Mädchen und weiß, dass er ihm helfen muss. Denn zu ihrer Tante, die sie schlecht behandelt und es überdies nur auf das Pflegegeld abgesehen hat, möchte Camille auf keinen Fall zurück. So ist es die Rettung von Camille, die die Kinder zusammenschweißt.

Céline Sciamma hat den Roman „Autobiographie d’une courgette“ von Gilles Paris adaptiert und stellt mit ihrem Drehbuch einmal mehr unter Beweis, wie gut sie sich in zerrissene Kinderseelen einfühlen kann. Wie in ihrer eigenen Regiearbeit „Tomboy“ (fd 40 633) über ein Mädchen, das eigentlich ein Junge sein will, bewegt sie sich hier ganz auf Augenhöhe der Kinder und behandelt die kindlichen Figuren mit größtmöglichem Ernst. Auch Regisseur Claude Barras trifft in seinem Langfilmdebüt mit den skurril-originellen Figuren und seiner zurückhaltenden Inszenierung den richtigen Ton, um nach dem Echten im Künstlichen zu suchen und die Miniaturwelt in kleinen poetischen Momenten immer wieder zum Leuchten zu bringen.

So lässt Zucchini einen Flugdrachen steigen, auf den er mit einfachen Strichen seinen Vater als Superheld gezeichnet hat. Oder er hütet eine leere Bierdose als Erinnerung an seine Mutter wie einen wertvollen Schatz. In diesen einfachen, ebenso komischen wie zutiefst tragischen Bildern versteckt der Film seine großen Themen – und eröffnet damit für Kinder wie Erwachsene leichte Zugänge.

Das ist das große Kunststück des Films: Er lässt auch jüngere Zuschauer erahnen, was die Kinder im Film erlebt haben, ohne alles auszusprechen und zu erklären, und er spricht Themen aus ihrem Alltag an, etwa die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe oder die Akzeptanz durch die Eltern. Zugleich aber lehnt er sich auch aus dem Fenster und wirft vorurteilsfreie Blicke auf gescheiterte Familien. Den Status als Ideal hat die leibliche Kernfamilie längst eingebüßt. Das Glück und die echte Zuneigung finden sich hier vor allem in selbst gewählten Familienformen.

Stefan Stiletto, FILMDIENST 4/2017