MindGamers

Quantentheorie, Schwarmintelligenz, Supercomputer, implantierte Chips, idealistische versus eigensüchtige Wissenschaftler, Parcouring, der Opernball, Kirche und eine Formel für den Gottesbeweis. All das sind interessante, bisweilen sogar exotische Schlagworte aus dem Katalog „Wir drehen einen Genrefilm“. Mit ihnen haben sich die Drehbuchautoren Joanne Reay und Andrew Goth anscheinend in Klausur begeben, um nicht eher zu ruhen, bis alle Begriffe einen Platz in ihrem Script gefunden haben.

MindGamers

Quantentheorie, Schwarmintelligenz, Supercomputer, implantierte Chips, idealistische versus eigensüchtige Wissenschaftler, Parcouring, der Opernball, Kirche und eine Formel für den Gottesbeweis. All das sind interessante, bisweilen sogar exotische Schlagworte aus dem Katalog „Wir drehen einen Genrefilm“. Mit ihnen haben sich die Drehbuchautoren Joanne Reay und Andrew Goth anscheinend in Klausur begeben, um nicht eher zu ruhen, bis alle Begriffe einen Platz in ihrem Script gefunden haben.

Der Film von Regisseur Andrew Goth beginnt mit einer Szene, die auch in einem Dan-Brown-Film oder einem „Rip-off“ von „Event Horizon“ (fd 32 933) hätte Platz finden können. Der Schauspieler Sam Neill schreitet in der Rolle des monströsen Kirchenmann Kreutz mit einem anderen Bedenkenträger durch wandelhallenartige Gänge. Ist es ein Raumschiff? Oder der Vatikan? Sind es Experimente des Teufels, die Kreutz vor seinem Vorgesetzten verheimlichen will? Als sich eine Geheimtür öffnet und den Blick auf ein in eine Apparatur eingespanntes und von Mönchen umsorgtes Kind freigibt, schwant dem Zuschauer Böses. Ist das Kind eine Art Monster? Hat die Kirche die Seele lokalisiert oder gar den Heiligen Geist gefunden?

Nach diesem merkwürdigen Vorspann wird man jedoch mit einer ganz anderen Szenerie konfrontiert: dem Campus einer „DxM Academy“ genannten Eliteuniversität in einer nicht allzu fernen Zukunft. Ein Team von genialisch-hippen Studenten erforschen mit Computern und Ratten den menschlichen Geist. Einer von ihnen glaubt mittels Quanten-Programmen den menschlichen Verstand gleichschalten zu können, um Erlerntes von einem zu anderen Bewußtsein zu übertragen. Wissen und Können, Fähigkeiten und Verhaltensweise ließen sich so austauschen, ohne individuell mühsam angeeignet zu werden.

Jaxon und sein Team wollen dies nun an einem menschlichen Probanden erproben und haben dafür einen Parcourer gewonnen, der sich bei seinen Aktivitäten schwer verletzt hat. Gelähmt liegt er da und könnte, wenn das Experiment gelänge, wieder hüpfen und springen. Damit dies Wirklichkeit wird, müssen die Teilnehmer des universitären Abschlussballs durch einen Quantencomputer „synchronisiert“ werden, was sich in einem gemeinsamen Tanz äußern könnte. Jaxon wäre der Einzige, der den Versuch überwacht, da alle anderen in einer Art Chip-gesteuerten Trance verweilen.

Im Finale taucht jedoch plötzlich Kreutz auf, der sich als wahnsinniger Mastermind mit „Phantom der Oper“-Maske entpuppt und alles nur noch schlimmer macht.

Die Handlung von „MindGamers“ als wirr zu bezeichnen, ist eine freundliche Untertreibung. Die zu Beginn aufgeworfenen Ideen wie „Kirche“, „Gottesbeweis“ oder „Seele“ sowie das ominöse Cyberkind geraten zwangsläufig schnell in Vergessenheit. Denn all das will partout nicht in dieses Konglomerat aus halbfertigen dramaturgischen Einfällen passen. Die Inszenierung begnügt sich ohnehin damit, die cool aufgestellten Protagonisten vornehmlich in leichter Zeitlupe gehen, stehen und laufen und dabei in jeder Lebenslage tiefsinnigen Unsinn absondern zu lassen. Jungschauspieler sagen dabei Dialoge wie aus einer „quantenpsychologischen“ Schüttelreim-Fibel auf, bedeutungsvoll, aber auch recht steif.

Dramaturgisch und inszenatorisch ist einiges schiefgegangen. Das Buch will zu viel, der Regie gelingt zu wenig. Kunstfilm, Horror, Science-Fiction, Soziologie, Trash und Wissenschaftsanalyse stehen nebeneinander, ohne sich zu befruchten. Und Sam Neill rahmt das Drama so bedeutungsschwanger wie verloren. Im Trashfilm der 1990er-Jahre hätte Udo Kier diese Rolle gebührt. Er hätte sie mit mehr Charme und Charisma ausgefüllt. Sam Neil indes wirkt so, als hätte er das Drehbuch nicht wirklich verstanden. Was nicht weiter verwunderlich ist.

Jörg Gerle, FILMDIENST 9/2017