Neben den Gleisen

Der Bahnhof hat ein Gesicht. Oben links und rechts zwei Fenster, unten eine Reihe kleiner Fenster mit Fensterkreuzen – es sieht aus, als würde das Haus die Zähne fletschen. Die Hauptrolle in dem Dokumentarfilm von Dieter Schumann aber spielt ein Flachbau auf einer kleinen Verkehrsinsel, nur einen Steinwurf entfernt: der Bahnhofskiosk. Hier hat sich Schumann gewissermaßen an den Stammtisch gesetzt.

Neben den Gleisen

Von Boizenburg ist man mit dem Zug in knapp einer Stunde in Hamburg; die Stadt mit etwas mehr als 10.000 Einwohnern liegt an der Bahnstrecke von Berlin, an der ehemaligen Zonengrenze. Trotzdem wähnt man sich im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern: Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Abwanderung, Frauenmangel, braune Überzeugungen – und Flüchtlinge, die hier mit dem Zug ankommen, auf dem Weg in die Erstaufnahmeeinrichtung Horst, benannt nach dem Dorf am Waldrand, im Nirgendwo.

Der Kiosk sieht wie ein Musterexemplar seiner Gattung aus. Über die ganze Länge des Baus zieht sich auf dem Dach eine Leuchtreklame, unter dem Vordach wird die Front von Reklameschildern für die „BILD“-Zeitung eingerahmt, an den Fahrradständern wiederholt sich die Werbung für das Boulevardblatt. Eine Zigarettenwerbung an der Wand, eine Biertischgarnitur vor dem großen Butzenfenster, das trotzdem wenig Licht in den kleinen Gastraum mit Spielautomaten lässt, dessen Wände Fußballschals jeder Couleur zieren.

Der Besitzer Peter Fischer betreibt den Kiosk seit über 20 Jahren. Meist steht er drinnen an seinem Straßenverkaufsfenster: Kaffee ist umsonst. Der Film dreht sich allerdings nicht um den Besitzer, sondern um den Mikrokosmos Kiosk, den der Regisseur als Ausgangspunkt für eine Reihe von Miniaturen nimmt, die sich Stück für Stück zu einem Sittengemälde zusammensetzen: Stammtisch-Deutschland, Ostdeutschland, AfD-Deutschland, Merkel-Deutschland.

Da sind zum Beispiel Monique und Kevin. Er ist zehn Jahre jünger als sie und liefert Ikea-Bauteile aus, gemeinsam haben sie eine kleine Tochter. Sie wohnen aber getrennt, sind „gute Freunde“. Im Gastraum erzählt Monique den Anwesenden, wann sie zum letzten Mal Sex mit Kevin hatte. Vor der Geburt hat Monique als Piercerin im Tattoo-Studio gearbeitet – aber das hat zugemacht, wie so viele andere kleine Länden. Die Jugendlichen im Ort sind alle gepierct und spielen in den Gesprächen mit ihren Lippenpiercings. Das Piercen schien ein krisensicheres Gewerbe sein, bis die Jugendlichen gegangen sind. Hamburg ist plötzlich ganz nah.

Die Flüchtlinge werden im Wesentlichen aus der Perspektive der Kiosk-Gäste gefilmt, verängstigte Neuankömmlinge, begleitet von argwöhnischen Blicken derjenigen, die sich vergessen und benachteiligt fühlen. Ein Stammgast fährt ein Großraumtaxi, er bringt die Flüchtlinge nach Horst. Der Regisseur fährt einmal mit, die Frau auf der Rückbank dreht sich zur Kamera. Sie erzählt: „Wir sind 55 Kilometer gelaufen. Und keiner hat Mitleid.“ Die meisten sind „Syrier“, wie sie hier im Ort genannt werden. Die Syrer, mit denen Schumann spricht, haben manchmal studiert, waren Anwälte; Exil-Intellekt trifft auf deutsche Arbeiterklasse. „Syria – Finish“, sagt einer von ihnen.

Eine Jugendliche aus dem Dorf erzählt von den meist Facebook-gesteuerten Gerüchten, dass Flüchtlinge Frauen vergewaltigt oder ein Kind gegessen hätten. Später kommt heraus: Eine von ihnen hat arabisch gelernt, drei ihrer „besten Freunde“ seien „Syrier“. Das ist die Schizophrenie hinter den braunen, xenophoben Parolen. Das ist AfD-Nährboden – aber da ist doch Hoffnung, Potenzial für die Politik?

Schumanns Rolle ist im Wesentlichen die des Zuhörers. Manchmal sind seine Fragen aus dem Off zu hören; gelegentlich ist das gewöhnungsbedürftig. Da er nie im Bild zu sehen ist, fragt man sich, wer da eigentlich mit am Stammtisch sitzt. Dies bleibt aber letztlich eine kleine formale Irritation. Ansonsten erhärtet sich die Vermutung: Tiefer als in Horst kann man in Deutschland nicht ankommen.

Julia Teichmann, FILMDIENST 8/2017