Neruda (2016)

Eineinhalb Jahre lang flüchtet Pablo Neruda bei Nacht und Nebel durch sein Heimatland Chile, weil er, der weltweit bekannte Schriftsteller, beim allmächtigen Staatspräsidenten González Videla in Ungnade gefallen ist. 1949 dominiert weltweit der Kalte Krieg. Auch in Chile wird die kommunistische Partei verboten. Kurz zuvor hatte Präsident González Videla die Kommunisten noch für die Regierungsbildung gebraucht, doch nun lässt er sie verfolgen.

Neruda (2016)

Die engagierte Stimme der Linken, der Dichter Pablo Neruda, selbst Parteimitglied und kommunistischer Abgeordneter, bezichtigt ihn seit Monaten öffentlich des Verrats am chilenischen Volk. Mit Verabschiedung der Notstandsgesetze ist Neruda künftig aber vogelfrei. Der Staatschef setzt seinen begnadetsten Polizisten, Oscar Peluchonneau, auf Nerudas Verfolgung an. Zwischen Jäger und Gejagtem entwickelt sich ein eigenartiges Katz- und Maus-Spiel. Neruda lässt sich auf der Flucht feiern und schreibt eines seiner wichtigsten Werke, den „Canto General“.

Regisseur Pablo Larraín schildert eine Episode aus dem ereignisreichen Leben des chilenischen Dichters, der 1971 den Literaturnobelpreis gewann. Der Film zeigt eine aus den Fugen geratene Welt. Bei der Jagd am Rande der Kordilleren und über den Pazifischen Ozean hinweg dominieren dunkle Töne. Wenn Neruda im helleren Licht der Atacama-Wüste mit dem Kommandanten des Konzentrationslagers, dem jungen Offizier Augusto Pinochet, spricht, gewinnt der Film sogar etwas Prophetisches: „Sie werden uns nur in den Griff bekommen, wenn sie uns alle töten“, sagt der Dichter. „Ich werde darüber nachdenken“, antwortet der spätere Diktator und Massenmörder.

Die unheimliche Dämmerung verdankt sich der brillanten Bildgestaltung von Sergio Armstrong, aber auch der melodisch-atonalen Musik von Federico Jusid. Die Inszenierung glänzt aber auch durch surrealistischen Humor, denn Larraín ist weit davon entfernt, Geschichtsunterricht zu geben. Er nennt „Neruda“ sogar ein „falso Bio-Pic“, ein unechtes Biopic, eine Alternative zu den zahllosen didaktisch-oberflächlichen Hollywood-Filmen. Larraín, sein Drehbuchautor Guillermo Calderón und der beeindruckender Hauptdarsteller Luis Gnecco haben vielmehr einen Pablo Neruda geschaffen, der in seinem bizarren Surrealismus weitaus authentischer wirkt als der verstaubte Nobelpreisträger aus den chilenischen Schulbüchern.

Neruda stammte aus einfachen Verhältnissen, was er in seinem Werk immer wieder unterstrichen hat. Sein Vater war Lokomotivführer, seine Mutter Volksschullehrerin. Das Verhältnis zum liberalen Großbürgertum, dem er später selbst angehörte, war zeitlebens ambivalent, durch eine tiefe Hassliebe geprägt. Der Film thematisiert das von Anfang an, porträtiert einen gefeierten Schriftsteller, der schroff, aber dann auch wieder volkstümlich und voller populistischer Symbolik sein kann. Der schnell den arroganten Bürger hervorkehrt, aber auch den Kommunisten; der sensibel, engagiert und auf groteske Weise grausam ist und von sich behauptet: „Das Leiden der Armen inspiriert mich.“ Ein Genie, das sich im Bordell feiern lässt, den aber seine eigene Frau, die argentinische Malerin Delia del Carril, mit Intelligenz und Eleganz überfordert.

Die Inszenierung schafft dabei eine Atmosphäre, in der das scheinbar Sichere unsicher wird und sich Wirklichkeit und Traum aneinander reiben. In seiner Ambivalenz ist diese Vision von Neruda keine Karikatur, sondern eine überzeugende filmische Umsetzung des kreativen Universums eines Poeten, sprühend und voller Widersprüche.

Wolfgang Hamdorf, FILMDIENST 4/2017