Offline - Das Leben ist kein Bonuslevel

Alle, die schon mal exzessiv am Computer, Smartphone oder Ähnlichem gezockt haben, kennen das Gefühl, wenn sich die blinkenden Gadgets so tief in die Netzhaut gebrannt haben, dass sie einen bis in den Schlaf hinein verfolgen. Gamer wie Jan und Karo, die beiden Hauptfiguren aus dem Spielfilmdebüt von Florian Schnell, treiben das noch eine entscheidende Spur weiter. Für sie findet das eigentliche Leben online statt.

Offline - Das Leben ist kein Bonuslevel

Jan ist im Fantasy-Actionrollenspiel „Utgard“, das sich an die Computerspiel-Serie „Risen“ anlehnt, ein Superheld. Im wahren Leben ist er eher superschüchtern. Die Coolen auf dem Schulhof nennen ihn „das Kellerkind“. Weil er jede freie Minute damit zubringt, als mächtiger Krieger Fenris Erfahrungspunkte zu sammeln, fällt die entsprechende Ausbeute im wirklichen Leben eher mau aus.

So richtig klar wird ihm das erst, als sein „Utgard“-Nutzerkonto kurz vor der alljährlichen Entscheidungsschlacht „Ragnarök“ gehackt und abgestellt wird. Es bleiben ihm nur wenige Tage, um herauszufinden, wer dahintersteckt. Eine Spur führt zu „Loki“, einem dunklen Magier aus dem Fantasy-Universum. Auf der Suche nach dem Nutzer, der sich hinter diesem Avatar verbirgt, begegnet Jan auch dem Spieler, mit dem er in „Utgard“ schon seit Langem Seite an Seite kämpft. Der bullige Kämpfer entpuppt sich als zierliches, blauhaariges Mädchen. Gemeinsam ziehen die wilde, betont anarchische Karo und der scheue Jan in ein reales Abenteuer.

Die Inszenierung vermischt die beiden Welten, indem Jans Alltagsleben wie ein digitales „Adventure“ inszeniert wird, mit eingeblendeten Statusmeldungen, Antwortmöglichkeiten und anderen Spielereien. Arg viel mehr als das ist dies aber nicht. Philosophisch Hintergründiges oder eine kritisch-wägende Auseinandersetzung mit dem Thema Onlinespielsucht sollte man von „Offline“ nicht erwarten. Regisseur und Drehbuchautor Schnell nähert sich dem Thema in Gestalt einer Komödie auf lockere, unverkrampft spielerische Weise mit klaren, griffigen Botschaften: Das wahre Leben ist noch immer das, was zählt. Und das ist vor allem Freundschaft. Computerspiele können trotzdem höllisch Spaß machen. Daran ist auch nichts verkehrt.

Für eine Abschlussarbeit an einer Filmhochschule (hier der Filmakademie Baden-Württemberg) sind die Computerspielszenen erstaunlich aufwändig gestaltet. Vom suggerierten Spaß kommt bei den brachialen Kampfszenen auf der Leinwand jedoch nicht allzuviel an. Amüsanter fällt das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller Moritz Jahn und Mala Emde aus, die als ungleiches Paar überzeugen.

Vor allem Mala Emde muss man als schauspielerisches Versprechen auf dem Zettel haben, seit sie für ihre Rolle in „Meine Tochter Anne Frank“ (2014) ausgezeichnet wurde. Auch der ehemalige „Pfefferkörner“-Kinderstar Moritz Jahn verleiht seiner deutlich weniger schillernden Figur glaubhaft individuelle Konturen. Die Romanze zwischen den beiden wirkt am Ende aber doch ein wenig aufgesetzt.

Besonders lustig sollen dagegen die Nebenfiguren sein, die nahezu ausschließlich als Karikaturen funktionieren: ulkige Polizisten, überdrehte Mütter, durchgeknallte Live-Rollenspieler und allerhand Schwarzwaldschrate. Regisseur Schnell packt hier den ganz groben Comedy-Pinsel aus. Das Problem mit diesem kindgerechten „Bibi & Tina“-Humor besteht jedoch darin, dass er möglicherweise an der Zielgruppe vorbeigeht. Von der „FSK“ hat der harmlose Film vermutlich wegen der virtuellen „Utgard“-Schlachten lediglich eine Freigabe „ab 12 Jahren“ erhalten. Darin offenbart sich ein grundsätzliches Dilemma. Für einen Jugendfilm präsentiert sich „Offline“ bis in die plakative Kameraführung hinein zu naiv und grobgestrickt, für eine Jugendkomödie aber viel zu brav. Und für einen Kinderfilm passt das Thema nicht. Vielleicht aber trifft der Film direkt an der FSK-Kante für Zwölf- oder 13-Jährige am Ende doch den richtigen Ton.

Stefan Volk, FILMDIENST 4/2017