Queen of Katwe

„Queen of Katwe“ wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Wohlfühlfilm: die wahre Geschichte eines armes afrikanisches Mädchen, das zu einer der besten Schachspielerinnen der Welt aufsteigt. Der Film beginnt mit fröhlicher Musik, mit kontrastreichen Bildern, die Protagonistin kommt als optimistische Person daher.

Queen of Katwe

Doch die Inszenierung besitzt ein feines Gespür für die Figuren und vor allem für deren Setting, was die simplen Zuschreibungen eine Feel-Good-Movies weit hinter sich lässt.

Basierend auf einem Buch von Tim Crothers, setzt die Erzählung mit der neunjährigen Phiona Mutesi ein, die im Dorf Katwe in Uganda lebt. Sie wächst als Halbwaise mit Geschwistern und ihrer Mutter unter schwierigsten Bedingungen auf. Eine kleine Hütte bietet der armen Familie ein notdürftiges Dach über dem Kopf. Phiona unterstützt ihre Mutter bei der Arbeit; der Verkauf von Mais bringt zumindest etwas Geld ein.

Doch dann will der engagierte Missionar Robert Katende Phionas Bruder Brian und andere Kinder das Schachspiel beibringen. Aus Neugier stößt auch Phiona zu der Gruppe dazu. Sie erweist sich schnell als außergewöhnlich begabt. Robert, der von den Kindern nur „Coach“ genannt wird, erkennt ihr Talent und fördert sie. Es gelingt ihm sogar, seine „Pioniere“ genannten Schüler an einem Turnier in einer wohlhabenderen Gegend teilnehmen zu lassen. Über die Jahre reift Phiona zu einer exzellenten Schachspielerin heran, die es schließlich auf nationaler wie internationaler Ebene mit den Besten der Welt aufnehmen kann.

Die Erzählung des Films orientiert sich durchaus an der vertrauten Dramaturgie des Sportfilms; der Aufstieg des Underdogs ist darin mit Rückschlägen und Niederlagen verbunden. Allerdings verliert die Regisseurin Mira Nair über diesem Genreplot zu keinem Zeitpunkt die andere Seite der Geschichte aus den Augen: die Herkunft der Figuren. Kleinere Szenen verdeutlichen dies prägnant. Als die Pioniere für ein Turnier zum ersten Mal an eine Schule kommen, könnten sie die Nacht in den Betten verbringen. Doch da die Kinder diesen Luxus nicht gewohnt sind, legen sich lieber eng umschlungen mit ihren Decken auf den Boden.

So wichtig wie die sportliche Seite ist Nair aber auch das Schicksal von Phionas Familie und deren zwischenmenschliche Dynamik. Die Mutter drücken immer stärkere Geldsorgen, sie kann die Miete kaum noch bezahlen, die Lebensumstände verschlechtern sich rapide. Die damit einhergehenden Gefühle, die der Film hervorruft, wirken jedoch nie aufgesetzt; die Inszenierung drückt nicht auf die Tränendrüse und verzichtet auf Effekthascherei. Das Setting, die Entwicklung der Figuren und die Spannungen, die sich auftun, wirken echt und authentisch.

Der Film verdeutlicht, dass sich das Leben der Familie nicht schlagartig ändert, nur weil Phiona Erfolg im Schach hat. Was sich allerdings ändert, ist Phionas Blick auf ihr Leben in den Slums von Uganda. Während sie anfangs zufrieden schien mit dem, was sie tat und was sie hatte, sticht ihr nach einer Reise ins Auge, in was für armen Verhältnissen sie eigentlich lebt. Ihr Blick und der der Kamera schweifen beim Essen von der Schale aus durch den Raum. Phiona vergleicht ihr Leben mit dem „Luxus“, den sie erlebte hat, und entwickelt ein Bewusstsein für ihre Situation. Das führt bald zu verbalen Auseinandersetzungen mit der Mutter. Phiona weigert sich, ihre Aufgaben innerhalb der Familie weiterhin auszuführen. Der Wunsch, ihr Leben und das ihrer Familie durch ihren sportlichen Erfolg zu verbessern, wird immer größer.

Das Schachspiel wird für die Kinder zur Ablenkung von ihrem Alltag, was insbesondere bei Phiona eine große Hoffnung weckt. Allerdings ist „Queen of Katwe“ trotz fröhlicher Momente keines reines Feel-Good-Drama: Mit dem Abspann sind noch lange nicht alle Probleme gelöst.

Alexander Hertel, FILMDIENST 10/2017