Raees

Zwei junge Inder heuern beim lokalen Gangsterchef an. Jaraih Seth, der größte Alkoholschmuggler des Ortes, hat ihr Potential erkannt, besonders das von Raees, dem Jungen mit der Brille, der so allergisch auf das Schimpfwort „Brillenschlange“ reagiert. „Er hat den Verstand eines Geschäftsmannes und den Wagemut eines Kriegers“, sagt Jaraih und prägt den Jungen damit mehr, als er denkt. Jahre später sind aus den Knaben Männer geworden.

Raees

Raees (nun gespielt von Shah Rukh Khan) und sein Freund Sadiq arbeiten immer noch für Jaraih; sie bestechen Polizisten und organisieren den illegalen Alkoholtransport. In den 1980er-Jahren ist Alkohol im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat streng verboten. Das Geschäft blüht, und Raees möchte sich selbstständig machen, aber ihm fehlt das Startkapital. Deshalb versucht er illegal Ziegenfleisch auf dem Markt in Bombay zu verkaufen. Das endet allerdings in einer Schlägerei mit dem Metzger. Als er sich auch mit Musa anlegt, dem mächtigsten Mafioso der Region, scheint sein Schicksal besiegelt zu sein. Doch aus einer Laune heraus unterstützt Musa die jungen Männer aus der Provinz. Raees kehrt zurück und wird erfolgreicher als seine früheren Geldgeber. Gleichzeitig gerät er ins Visier des Polizisten Majmudar, der wegen seiner Unbestechlichkeit immer wieder in noch trostlosere Gegenden versetzt wird.

„Raees“ ist die Geschichte des Aufstiegs eines armen Schluckers zu Macht und Reichtum, bis er als reicher Geschäftsmann mit den ganz Großen an einem Tisch sitzt. Als nordwestindische Version von „Es war einmal in Amerika“ (1984, (fd 24 766)), die als Gangsterballade auch vom Lauf und vom Wandel der Zeit erzählt.

Nachdem es ursprünglich geheißen hatte, dass der 1997 von Polizisten getötete Gangsterchef Abdul Latif als Vorbild von „Raees“ fungiert habe, lautet die offizielle Version der Produktionsfirma nach juristischen Auseinandersetzungen mit den Söhnen Latifs nun, dass es sich um eine reine Fiktion handle, bei der zeitgeschichtliche Daten eher zufällig übereinstimmten, etwa die Verwicklung von Latif in die islamistischen Bombenanschläge 1992 in Bombay oder seine extreme Beliebtheit bei der ärmeren muslimischen Bevölkerung in Gujarat.

„Raees“ ist ein Gangsterfilm, der überwiegend innerhalb der muslimischen Minderheit spielt und dessen Protagonist sich stets für eine Verständigung unter den Religionen ausspricht, mit lapidaren Sätzen wie „Das Geschäft steht über der Religion“; hungernde Familien versorgt er während des Ausnahmezustandes aber auch mit Lebensmitteln: „Niemand soll hungern, weder Hindus noch Moslems.“ Ein charmanter Gangster und ein Held der Armen, irgendwo zwischen Robin Hood und Pablo Escobar, dessen Hände aber zunehmend mit Blut besudelt sind, bis er sich am Ende gesteht: „Ich wollte mein Viertel retten und habe dabei die ganze Stadt verbrannt.“

Natürlich ist „Raees“ auch eine Liebesgeschichte. Elliptisch und mit viel Musik und schönen Bildern schildert Regisseur Rahul Dholakia, wie die schöne Aasiya aus der unmittelbaren Nachbarschaft seine Frau wird, die Mutter seines Sohnes und treueste Gefährtin seiner Geschäfte. „Raees“ ist aber auch ein Katz- und Mausspiel zwischen einem Polizisten und einem Gangster, die beide erst viel zu spät merken, dass sie lediglich Spielbälle korrupter Politiker sind, die sie nach Belieben hin- und herschieben.

Das zweieinhalbstündige Epos um Reichtum und Armut, Liebe und Freundschaft, Treue und Verrat, Aufruhr und Korruption entfaltet sich in kurzweiliger Bollywood-Manier in opulenten Bildern, Gesangseinlagen, Kampf- und Verfolgungsszenen und einem überzeugenden Schauspielerensemble, allen voran Hauptdarsteller Shah Rukh Khan und sein Gegenspieler Nawazuddin Siddiqui.

Wolfgang Hamdorf, FILMDIENST 4/2017