Rammstein: Paris

Der schwedische Regisseur Jonas Åkerlund ist kein Kind von Traurigkeit. Sein Musicvideoclip „Smack My Bitch Up“ (1997) sorgte nicht nur deshalb für Aufmerksamkeit, weil die darin auftretende Band „The Prodigy“ aufgrund der expliziten Gewalt und des Drogenkonsums der „handelnden Person“ aus dem Dreh aussteigen wollte. Noch mehr Aufsehen geregte der Umstand, dass sich die lange nicht zu erkennende Figur am Ende als Frau entpuppt.

Rammstein: Paris

Das in einer zensierten Version mehrfach auch vom Musiksender MTV ausgezeichnete Video gilt heute als Meilenstein des Genres.

Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Video zu dem Rammstein-Song „Pussy“ (2009) – mit dem bezeichnenden Unterschied allerdings, dass die hier in einer wilden Sex-Orgie gezeigte Band keine Schwierigkeiten mit dem Sujet hatte. Die ungekürzte Fassung des kontroversen Songs über Sextourismus zirkuliert noch immer auf Pornokanälen. Das Video suggeriert, dass die Bandmitglieder in ihrer Fetischkleidung echten Sex mit den Protagonistinnen haben. Dieser Eindruck ist freilich ausschließlich das Resultat einer furiosen Montage.

Åkerlund gilt seither als einer der begehrtesten Musikvideo-Regisseure. Er inszeniert seine seltenen Clips für die Bühnenshows von Madonna bis Lady Gaga. Mit Åkerlund und Rammstein haben sich dabei zwei Seelenverwandete gefunden. Er ist inzwischen eine Art Hausregisseur der Berliner „Industrial Metal“-Formation um den Bandleader und Sänger Till Lindemann.

Es verwundert deshalb nicht, dass Åkerlund den Konzertfilm der Band inszeniert, der aus einem Zusammenschnitt zweier Auftritte im März 2012 im Pariser Palais Omnisports besteht. Der Regisseur hat dabei mit 30 Kameras und einem immensen Sound- und Electric-Department einen beachtlichen Aufwand betrieben, um die Bühnenshow einzufangen, doch am Schneidetisch verzichtete er dann auf eine allzu exponierte Montage. Was hier beindrucken soll, ist in erster Linie die Show der Band, deren physische Präsenz sowie ihre gewaltige, fordernd-provokante Musik.

Bei Åkerlund findet man kaum Zwischenschnitt mit Bildern des ekstatischen Publikums, höchstens reduziert und verfremdet als diffuse Masse von (Licht-)Punkten aus der Vogelperspektive. Im Gegensatz zum Rammstein-Konzertfilm aus dem Madison Square Garden aus dem Jahr 2010 (veröffentlicht anlässlich der Doku „Rammstein in Amerika“ (fd 43 550)) braucht Åkerlund keine Claqueure; seine Rammstein-Show wirkt aus sich heraus. Das Konzert, in einem virtuosen, weil flüssig montierten Stakkato auf die Leinwand gebannt, beginnt mit dem martialischen Einzug der Musiker, ehe sie sich im treibenden „Best of“ ihrer Erfolgssongs in Ektase rocken. Das geschieht in ikonografischen, für die Band stilbildenden, nicht selten mit Gewalt kokettierenden Posen und einem Übermaß an Pyrotechnik.

Im Rausch der Effekte, schweren Rhythmen und eindeutiger Posen verstecken sich nicht nur Texte von brachialer, gewalttätiger Doppeldeutigkeit, sondern auch Gedichte deutscher Klassiker. „Neue Deutsche Härte“, heißt diese Musik seit den 1990er-Jahren, die trotz aller „Speed Metal“-Anklängen eigentümlich opernhaft wirkt – und vielleicht gerade wegen dieser Mischung universell verstanden und geschätzt wird. In den Konzertsälen der Welt wird plötzlich deutsch mitgesungen.

Auch wenn diese Musik gewöhnungsbedürftig ist und oft auch missverstanden wird, kann man sich der suggestiven Kraft eines Rammstein-Konzertes kaum entziehen. Das liegt bei „Rammstein: Paris“ zum großen Teil auch an der Meisterschaft des Regisseurs, der die 96 Filmminuten als audiovisuelle Grenzerfahrung konzipiert, selbst wenn er bei sexuell expliziteren Passagen wie dem als Orgie inszenierten Song „Bück dich“ eine augenzwinkernde Distanz wahrt.

Akustisch ist das Konzert allein schon durch die aufwändige Dolby-Atmos-Abmischung ein Ereignis, wenngleich auch die abgespeckte DD5.1-Verison durchaus überzeugt.

Der Grand Guignol, der hier in jedem Song lästernd um die Ecke lugt, hat scharfe Krallen und wird in seiner brachialen Ausprägung gerne als proto-faschistisch verschrien; dabei ist er genau das Gegenteil. Wenn der Vorhang fällt, ist der Popanz dekonstruiert und es bleibt nur Spaß und Begeisterung.

„Man kann von uns halten / Was immer man da will / Wir halten uns schadlos / Wir halten niemals still. / Und der Haifisch der hat Tränen / Und die laufen vom Gesicht / Doch der Haifisch lebt im Wasser / So die Tränen sieht man nicht!“ (Lyrics zum Rammstein-Song „Haifisch“)

Jörg Gerle, FILMDIENST 7/2017