Reis

Demagogie auf leisen Sohlen. Mit seinem biografischen Film über Recep Tayyip Erdoğan strickt der bisherige Fernsehregisseur Hüdaverdi Yavuz kräftig am „Kașimpașa“-Mythos des derzeitigen türkischen Präsidenten als Anwalt der kleinen Leute und unfehlbarer Führer mit klarer moralischer Basis. Ein Heldenkult, der die Fehler korrupter Vorgänger-Regierungen nutzt, um Erdoğan als neuen Übervater der Türken zu zeigen.

Reis

Demagogie auf leisen Sohlen. Mit seinem biografischen Film über Recep Tayyip Erdoğan strickt der bisherige Fernsehregisseur Hüdaverdi Yavuz kräftig am „Kașimpașa“-Mythos des derzeitigen türkischen Präsidenten als Anwalt der kleinen Leute und unfehlbarer Führer mit klarer moralischer Basis. Ein Heldenkult, der die Fehler korrupter Vorgänger-Regierungen nutzt, um Erdoğan als neuen Übervater der Türken zu zeigen.

Recht geschickt, wenn auch schablonenhaft, arbeitet sich „Reis“ (zu deutsch: Der Anführer) auf zwei parallel montierten Zeitebenen an schicksalhaften Phasen in Erdoğans Biografie ab. So sieht man ihn als Jungen, der mit der Trauer über die Hinrichtung des stark religiös geprägten Ministerpräsidenten Adnan Menderes nach dem Militärputsch 1960 aufwächst und die Willkür von Polizei, laizistischem Machtapparat und einflussreichen Kreisen der Oberschicht erlebt. Auf der anderen Seite steht der strahlende Sieger der Istanbuler Bürgermeisterwahl von 1994, die Erdoğan mit dem Versprechen gewann, Schluss mit der allgegenwärtigen Korruption zu machen und sich um die Infrastruktur der Stadt zu kümmern, etwa um eine funktionierende Wasser- und Stromversorgung.

Erdoğan beeindruckte damals durch eine gute Führung; mit seinen Versprechungen machte er sich bereits im Wahlkampf Feinde in der „guten Gesellschaft“, die vor allem die gut geschmierte Vetternwirtschaft in Gang halten wollte. Mit der Verknüpfung der beiden Zeitebenen suggeriert „Reis“ eine doppelte Gründungslegende für Erdoğans aktuellen Machtanspruch. Hier der Bürgermeister, der den allgegenwärtigen Nepotismus in seine Grenzen verweist, aber nach der öffentlichen Rezitation militant-islamistischer Gedichtverse („Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“) von seinem Posten enthoben und für vier Monate ins Gefängnis gesteckt wurde. Dort der Junge, der mit der Erfahrung aufwächst, dass die Arbeiterschicht des Istanbuler Stadtviertels Kașimpașa systematisch unterjocht wird und auf Gottes Gnade angewiesen ist.

„Reis“ erzählt die Geschichte eines Jungen, der mit dem herzkranken Muharrem aufwächst, der sich eine lebensnotwendige Operation nicht leisten kann, und mit dem Spielkameraden Ferdi, dessen alkoholkranker Vater die Familie tyrannisiert und der von der Justiz mit einem Haufen Bestechungsgeld gekauft wird, um den Sohn einer Bonzenfamilie zu decken, der im Suff einen Straßenmusiker erschossen hat. Vor allem aber gibt es den Kaffeehausbesitzer Ismail, einen Mann mit massigem Körper und Sinn für Poesie, den „Kapitän“, Erdoğans eigenen Vater, autoritär, aber gutmütig, der seinem Sohn das Faible für Fußball austreiben will, sowie Sultan Demircan, den lokalen Gangsterboss, der den Fußballern mit gezückter Pistole Beine macht, aber offensichtlich auf der Seite der Unterdrückten steht.

Drei Ziehväter aus der Vergangenheit, von denen der Protagonist Erdoğan seine wesentlichen Eigenschaften gelernt hat: die hilfsbereite Seele von Ismail, das Verantwortungsbewusstsein des Vaters und den mitunter skrupellosen Durchsetzungswillen von Sultan Demircan.

In einer Nebenrolle wäre noch Sadri Alisik zu nennen, der es in den 1960er- und 1970er-Jahren mit insgesamt 213 Filmrollen zu einem der populärsten türkischen Schauspieler brachte und, so insinuiert es zumindest „Reis“, zu den Lieblingsstars des jungen Erdoğan und seiner Gang in der Schwarzmeerstadt Rize gehörte.

Frauen spielen in dieser Männerwelt keine Rolle, nicht einmal als Pflegerinnen des männlichen Gemüts oder als Metapher für die emotionalen Abwege der Figuren von der Prinzipientreue.

Es wird überraschend wenig gemenschelt in diesem mit einem sakral-dramatischen orientalischen Score unterlegtem Biopic: kein Kuss, kein Ehestreit, keine Meinungsverschiedenheit unter guten Freunden. Stattdessen ein kollektives Aufschauen zum „Anführer“, der als moralischer Saubermann gezeichnet wird, als mutiger, Gott ergebener Diener, der es mit den Ungläubigen aus der korrupten Oberschicht aufnimmt.

Der Schauspieler Reha Beyoğlu, der Erdoğan erstaunlich ähnlich sieht, gibt den „Anführer“ mit innerer Gelassenheit, der sich auch durch Anschlagsdrohungen nicht aus der Fassung bringen lässt: Während des Wahlkampfs um den Bürgermeisterposten erhält Erdoğans Team mehrfach Morddrohungen.

„Reis“, für den angeblich bereits zwei Sequels geplant sind, zeichnet seinen Protagonisten fast als Propheten, der seine starken Worte mit Bedacht und sanfter Stimme spricht. Beim an politische Überväter gewöhnten türkischstämmigen Publikum kommt diese Mischung aus heldisch verklärtem Gutmenschentum und Verschwörungstheorie gut an; im nahezu ausverkauften Kino in Berlin begannen die Claqueure bereits zu Beginn mit „Recep – Tayyip – Erdoğan“-Sprechchören. Während vor dem Kino zwei ebenfalls türkischstämmige Jugendliche über die heiligenbildähnliche Ikonografie des Filmplakats herzogen.

Was bleibt, ist nicht nur die Erkenntnis über die beunruhigende emotionale Spaltung der politischen Kultur in der Türkei, sondern auch, dass die konservativen Filmemacher des Landes die Dramaturgie der inneren Logik beherrschen. Sie konstruieren eine Polit-Legende, die den anmaßenden Nepotismus der laizistischen Vorgänger-Regierungen nutzt, um die religiöse und weltliche Führungsfigur Erdoğan mit den Werkzeugen der kultischen Atatürk-Verehrung und etwas bodenständiger Film- und Fußball-Würze als besten Freund des Volkes und Vater der Türken zu etablieren.

Bernd Buder, FILMDIENST 6/2017