Sonsuz Ask

Für den erfolgreichen Chirurgen Can, der gerade erst zum Präsidenten des internationalen Neurochirurgenverbandes gewählt wurde, gibt es nur seine Arbeit. Eines Abends entdeckt er auf dem Sofa seiner Designerwohnung die Putzfrau Zeynep, die sich dort schlafen gelegt hat, weil ihr Vermieter das Schloss ihrer Wohnung wegen Mietschulden ausgewechselt hat.

Sonsuz Ask

Der ordnungsliebende Can drückt ein Auge zu und verspricht, die Schulden zu bezahlen; allerdings unter einer Bedingung: Zeynep soll ihn auf den Ärzteball begleiten, damit er endlich die lästigen Avancen der medizinischen Direktorin des Krankenhauses loswird.

Doch diese Situation beinhaltet Unwägbares. Die schöne Zeynep, kurz zum Stylisten und danach zum Friseur geschickt, erobert die Herzen der versammelten Gesellschaft. Und Can, der eigentlich nach zwei Stunden nach Hause gehen und seine Ruhe haben wollte, lässt sich auf die Einladung des Krankenhausbetreibers ein, gemeinsam mit seiner „Freundin“ kurz an die Ägäis zu fliegen.

Für Zeynep wird die Tour zum Desaster, als ihr Bemühen, die eigene soziale Stellung zu kaschieren, erst in Unsicherheit und dann in Wut umschlägt. Doch während sie auf der Terrasse der luxuriösen Villa ihren sozialen Stand aufdeckt, hat sich Can längst in sie verliebt und erkannt, dass er sich nicht ewig „hinter seinem Erfolg verstecken“ kann, wie Zeynep treffsicher analysiert.

Hier könnte das Finale einer Plattitüde über das Glück des unerwarteten Aufstiegs beginnen, doch in „Sonsuz Așk“ geht es um mehr. Schließlich hat Zeynep noch eine kleine Schwester, die sie seit dem frühen Tod der Eltern bis zur Selbstaufgabe im Studium unterstützt. Und da im türkischen Herz-Schmerz-Kino Glück und Drama bekanntlich auf Sichtweite nebeneinander liegen, leidet Zeynep überdies an einem schweren Gehirntumor.

Natürlich entscheidet sich Can dazu, die Liebe seines Lebens selbst zu operieren. Und ebenso außer Frage steht, dass der Eingriff gelingt, wenngleich Zeynep ein paar Monate später dennoch stirbt. Immerhin vermögen es die Hauptdarsteller Fahriye Evcen und Murat Yildirim dank ihres recht nuancenreichen Schauspiels, die unangenehme Situation einer binnen weniger Stunden zum Model gewandelten Putzfrau genauso nachvollziehbar zu machen wie die Erdung des medizinischen Überfliegers zum normalen Liebhaber, der bisweilen sogar vergisst, was er sagen wollte.

Allen wohlfeilen Von-der-Putzfrau-zur-Designerwohnung-Träumen zum Trotz steckt jedoch Gespür für soziale Notlagen hinter dem Taschentuchfaktor. Überdies ist die Szene, in der Can seine Geliebte operiert, ausgenommen spannend inszeniert. Keine Filmkunst, aber fünf Minuten bestes Genre-Handwerk. Unvermittelt fühlt man sich im Operationssaal in die dunkle Enge von Wolfgang Petersens „Das Boot“ (fd 23 144) versetzt; hier geht es um die Frage nach Leben oder Tod, die nicht von einem Einzelnen entschieden wird, sondern vom Zusammenspiel des Teams abhängt. Am Ende erweist sich freilich, dass auch der beste Chirurg nicht Gott ist.

Trotz Pathos und Designerwohnung bleibt „Sonsuz Așk“ erdverbunden und modelliert die Sehnsucht nach einem besseren Leben in einer Weise, dass nicht nur Schönheit und Reichtum zählen, sondern Mann und Frau darin auch auf Augenhöhe miteinander reden.

Bernd Buder, FILMDIENST 9/2017