Stille Reserven

Nach menschlichem Ermessen gilt der Tod als die einzige Garantie des Lebens. Nicht so in „Stille Reserven“. Da werden die irdischen Schulden eines Menschen mit dessen Tod nicht automatisch hinfällig. Im Wien einer nicht genau bestimmten Zukunft hält man die Fast-Toten künstlich am Leben, damit sie ihre Lasten abtragen können. Nackt, mit weißen Windeln, Brustbinde und Atemmaske versehen und in Plastikhüllen verpackt.

Stille Reserven

Das automatisierte Atmen aus den Kehlen tausend Halbtoter in riesigen Lagerhallen klingt gespenstisch-gruselig. Verwendung finden diese Noch-Nicht-Ganz-Toten als Ersatzteillager, Gebärmaschinen oder Datenträger; besonders begehrt sind die Gehirne – Träume, Gedanken, Ideen – so genannter Visionäre: Menschen, die in der Forschung tätig waren oder auf andere Weise über Wissen verfügen, das der Menschheit den Weg in die Zukunft weisen könnte.

Die einzige Chance auf einen garantierten Tod bilden so genannte Todesversicherungen, angeboten von riesigen Konzernen. Doch solche Todesversicherungen sind teuer und nicht für jeden erschwinglich. Somit existiert eine Zweiklassengesellschaft: die einen sterben und finden den ewigen Frieden, die andern dämmern ewig dahin.

Regisseur Valentin Hitz, geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Zürich, ausgebildet an der Filmakademie Wien, stellt mit der österreichisch-schweizerisch-deutschen Co-Produktion „Stille Reserven“ einen prächtig futuristisch ausschauenden, elegant gefilmten und überzeugend gespielten, unterhaltsam-jazzigen Science-Fiction-Krimi vor.

Das ebenfalls von Hitz geschriebene Drehbuch etabliert als Protagonisten einen Opportunisten: Vincent Baumann, mit abstehenden Ohren, schmalem Gesicht, hellen Augen, fiebrig beflissen und elegant-sensibel gespielt von Clemens Schick. Baumann arbeitet als Agent in einer großen Versicherungsfirma. Er steht im Ruf, selbst den schwierigsten Auftrag erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Mit Hilfe von Impulskontrolle und Selbstoptimierung erklimmt er die Karriereleiter, ist vermeintlich auch der favorisierte Liebling seiner Chefin.

Doch die Vorgesetzte ist knallhart und raffiniert. Sie überwacht und kontrolliert jeden. Ein Wort wie „Lieblinge“ existiert in ihrem Umfeld nicht. In dieser Welt gibt es keine Gefühle, noch weniger Garantien darauf. So etabliert „Stille Reserven“ eine Parallelwelt, in der sich die versammeln, die vom System ausgeschlossen werden: die Randständigen, Verarmten und Verzweifelten. Sie hausen außerhalb der grandios futuristisch glitzernden Wiener Innenstadt in grauen Plattenbauten und heruntergekommenen Sozialsiedlungen.

Man kann den Szenenbildner Hannes Salat nicht genug loben für seine Kunst, die Stadt visionär in eine dystopische Zone verwandelt zu haben, ebenso wie den Kameramann Martin Gschlacht, der die beiden Welten in diesem farbentsättigten Film in eleganten Fahrten immer wieder verbindet.

Unter den Randständigen finden sich auch Rebellen und Aktivisten. Sie fordern das Recht auf Sterben, leisten Sterbehilfe und planen einen finalen Anschlag, bei dem alle Halbtoten erlöst werden sollen. Mitten unter ihnen ist Lisa Sokulowa, die Tochter des schwerreichen Unternehmers Wladimir Sokulow, der das Todessystem einst mit aufbaute, später aber aus ethischen Überlegungen davon wieder abrückte. Lisa, sensationell gespielt von Lena Lauzemis, ist klug, raffiniert und blitzschnell. Sie fährt Motorrad, trägt Pelz, manchmal Perücke, singt mit verrauchter Stimme in der von ihrem Partner Gerhard betriebenen Casanova-Bar allabendlich Jazz. Ihre Figur erinnert so unmittelbar an Walter Serners Tigerin wie an Sara Zeitgeist aus Alain Robbe-Grillets „La belle captive“ (fd 24 450). Sie wird zu Baumanns Gegenspielerin.

In der Begegnung der Rebellin mit dem Opportunisten, in der falsche wie echte Gefühle mit ins Spiel kommen, entwickelt der Film seine größte Stärke. Doch wie viele Science-Fiction-Filme leidet auch „Stille Reserven“ an der mangelnden Logik seiner Story. In den vielen, zum Teil unnötigen Nebenplots, in denen Figuren bisweilen aus der Erzählung fallen, ehe sie darin richtig aufgetaucht sind, fehlt die erzählerische Stringenz; bisweilen wird so unlogisch herumgeschustert, dass man gar nicht so genau hinschauen will.

Dem Gesamteindruck der 13 Jahre nach „Kaltfront“ (2003) ersten langen Regiearbeit von Valentin Hitz, die mit der Musik von Balz Bachmann über einen exquisit jazzigen Soundtrack verfügt, tut solche Wurstelei allerdings wenig Abbruch: „Stille Reserven“ ist ein cooler und eleganter Science-Fiction-Film, der in der Umkehrung herrschender Verhältnisse einige große Fragen aufwirft.

Irene Genhart, FILMDIENST 8/2017