Storm und der verbotene Brief

Nicht jeder wird heute noch wissen, dass eine Druckplatte nichts mit einem Computer zu tun hat. Im Jahr 1520 hatte sich in Antwerpen der Buchdruck wie an vielen anderen Orten Europas gerade erst etabliert. Mit großem handwerklichen Geschick wurden in florierenden Druckereien aus einem Gebinde einzelner Lettern jene Platten hergestellt, um sie mittels schwerer Holzpressen auf Papier zu übertragen.

Storm und der verbotene Brief

Klaas Voeten ist einer der besten seiner Zunft, sein zwölfjähriger Storm hilft eifrig, aber nicht immer erfolgreich in der väterlichen Werkstatt mit. Dorthin macht sich eines Tages ein Mönch aus dem Kurfürstentum Sachsen auf. Nahe der Stadt Wittenberg hat ihm ein Glaubensbruder einen brisanten Text übergeben, ein „Manuskript über die Kirche“, das Voeten heimlich drucken soll. Doch kaiserliche Soldaten sind dem Mönch und dem Brief auf den Fersen; dass beide unbeschadet nach Antwerpen gelangen, ist ein Wunder, regiert hier doch der grausame Inquisitor Frans van der Hulst. Mit aller Macht will er die Stadt zum Vorbild der Frömmigkeit machen und Ketzerei ein für alle Mal ausmerzen. Gerade deshalb aber darf der Brief nie gedruckt und verbreitet werden: Er könnte die Einheit von Kaiser und Kirche bedrohen, die Menschen von „dem einen“ Glauben abbringen und sie zum Widerstand gegen staatliches Unrecht bewegen. Storm gerät mitten in diese dramatischen Umbrüche und in größte Gefahr, als sein Vater verhaftet wird und der Knabe mit der Druckplatte flieht. Was er da eigentlich schützt, erfährt er erst später, auch wenn er längst den Namen des Briefeschreibers kennt: Martin Luther, der seinem Brief den Titel gegeben hat: „Von der Freyheith eines Christenmenschen“.

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelt der niederländische Jugendfilm-Regisseur Dennis Bots einen spannenden, bemerkenswert aufwändig ausgestatteten und gestalteten Abenteuerfilm, in dem er wie in seinen früheren Filmen („Das große Geheimnis“ (fd 43 881), „Geheimcode M“ (fd 44 515)) höchst geschickt Gegenwart und Geschichte ins Verhältnis setzt und „moderne“ Genre-Spannung mit gesellschaftspolitisch und historisch bedeutsamen Themen vereint.

Dass Luthers zentraler Brief eine geistesgeschichtliche Grenze zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit markiert und als bedeutsames Postulat die Summe der christlichen Freiheiten formuliert, fließt zwangsläufig nur in Ansätzen ein, ähnlich wie auch die Bedeutung des Buchdrucks für die Verbreitung von Meinungen und Botschaften durchaus deutlich, aber eben „nur“ im Rahmen einer Spannungsgeschichte für junges Publikum deutlich wird. Und doch bieten sie einen ernsthaften, vor allem neugierig machenden Rahmen für Storms persönliches Abenteuer, der vorrangig seinen Vater retten will, durchaus aber versteht, dass es um weit größere Themen wie Ungerechtigkeit und Unterdrückung geht.

Und um Familie, Solidarität und Freundschaft: Storm lernt die gleichaltrige Marieke kennen, die in den Abwasserkanälen der Stadt haust und von der Rückkehr ihres Vaters träumt. Ihre allmählich an Tiefe und Kraft gewinnende Freundschaft wird zum emotional mitreißenden Herzstück des Films, geht es hierbei doch um gegenseitiges Verstehen und Verständigen, um Zuneigung, Respekt und Toleranz als Basis einer Beziehung, die über alle politischen und theologischen Fronten und Verhärtungen hinaus trägt.

Horst Peter Koll, FILMDIENST 6/2017