The Bye Bye Man

Zugegeben: Klischees haben auch ihr Gutes. Im Horrorfilm-Kino, wo die Protagonisten stets auf höchst unsicheren Pfaden unterwegs sind, hat es sogar unbestreitbare Vorteile, wenn man sich als Zuschauer seiner Sache sicher sein kann: Mit bewährten Gruselmomenten, die sich genauso verlässlich einstellen, wie man sie erwartet. Wenn Figuren beispielsweise ein seltsames altes Haus beziehen, nimmt man als selbstverständlich hin, dass ihr Leben dort zum Albtraum wird.

The Bye Bye Man

Bei drohenden Flüchen wäre man glatt enttäuscht, wenn die Protagonisten trotz aller Warnungen nicht exakt das tun würden, was das Unheil heraufbeschwört. Und wenn Geister im Spiel sind, darf man sich als Zuschauer ohnehin darauf verlassen, mit einer gänzlich fremden Welt konfrontiert zu werden. Aus jedem einzelnen dieser Klischees lässt sich eine eindrucksvolle Geschichte spinnen, die soliden bis einfallsreichen Schrecken geriert. „The House of the Devil“ (2009), „Candyman“ (fd 30 002) oder „Nightmare on Elm Street“ (fd 25 237) könnte man als Beispiele anführen, die ihre Geschichten konzentriert und mit Atmosphäre erzählen und dabei Genrefans ebenso unterhalten wie Gänsehaut bereiten. „The Bye Bye Man“ von Stacy Title dagegen hat von Vornherein ein strukturelles Problem: Hier werden all die aufgeführten Klischees aufgeboten, aber nur, um sogleich wieder lustlos über Bord geworfen zu werden.

So spielt es keine weitere Rolle, warum die Studenten Sasha, Elliot und John den Campus verlassen, um in einem verlassenen, für eine Universitätsstadt dennoch verdächtig günstigen Haus zusammenzuziehen, wo sie sich wie auf Kommando in Eifersüchteleien und Gezank ergehen. Der „Bye Bye Man“-Fluch, der Gerüchten zufolge auf ebendiesem Gebäude liegen soll, wird auch nicht groß erklärt: Er ist eben da, und ab und an huscht ein Mann mit Abt-Kutte und Zerberus-Hund durchs Haus. Einmal beschworen, droht er den vorwitzigen Studenten selbstverständlich mit dem Tod. Doch warum er die offensichtlich dem Tode Geweihten nicht gleich umbringt, sondern sie erst langsam in den Wahnsinn treiben muss, bis sie unvermittelt Unbeteiligte und/oder sich selbst töten, ist dem Autor Jonathan Penner keinen Gedankengang wert. Es passiert, weil es halt passiert, und ist für einen kurzen „Buh“-Effekt gut. Im Reich der Klischees muss man nichts produzieren außer dem Primärreiz. Dass das Ganze als kohärente Story funktionieren könnte, ist schlicht nicht vorgesehen. Und so bewegt sich „The Bye Bye Man“ stückwerkhaft in Richtung Cliffhanger, der alle Unklarheiten auf einen drohenden zweiten Teil verschiebt.

Selbst ein noch so bescheidenes Vergnügen versagt einem die Inszenierung auch deshalb, weil die blassen Darsteller keine Lust darauf machen, die Helden der Reise beim Bestehen ihrer Horrorerfahrung zu begleiten. Wenn schließlich doch einmal ein bekanntes Gesicht wie Faye Dunaway als ominöse Witwe eines Journalisten auftaucht, der einst in den 1960er-Jahren dem „Bye Bye Man“-Fluch erlag, bekommt sie nicht einmal genügend Raum, um zu glänzen. Aus Sicht der Filmemacher vielleicht sogar verständlich: Wer kennt von der jungen, den Klischees huldigenden Zielgruppe denn noch eine Faye Dunaway, deren Karrieregipfel in den 1960er-/1970er-Jahren lag? Und auch Carrie-Anne Moss, die seit dem Ende der „Matrix“-Trilogie ihrer Karriere hinterherläuft, bekommt als Kommissarin, die den „Bye Bye Man“-Morden ratlos, aber bedeutungsvoll raunend gegenübersteht, nur eine undankbare, sinnfreie Rolle.

All dies zeigt deutlich, dass es den Machern einmal mehr nicht auf die Geschichte und die überdies erbärmlich schlechte Visualisierung angekommen ist. Stattdessen zielt der Film allein auf die Installierung eines neuen, billig zu produzierenden Slasher-Franchises, dessen Name „Bye Bye Man“ allerdings eher lächerlich als gruselig wirkt. Im Meer themengleicher Produkte dürfte die angestrebte Reihe wohl eher einem abrupten Ende entgegensehen. Um das zuverlässig zu prophezeien, braucht es nicht einmal übersinnliche Kräfte.

Jörg Gerle, FILMDIENST 10/2017