Überflieger - Kleine Vögel, großes Geklapper

Der Tod kommt schon in den ersten Minuten. Ein Raubtier nähert sich dem Spatzennest. Federn fliegen. Zurück bleibt nur ein Ei, das noch nicht ganz ausgebrütet wurde. Wie gut, dass sich eine fürsorgliche Storchendame dem just schlüpfenden Küken annimmt, das dieses sofort für seine Mama hält. Start frei für eine neue animierte Patchwork-Familie. Der Adoptivvogel Richard integriert sich gut. Auch wenn es ihm schwerfällt, lernt er sogar, auf einem Bein stehend zu schlafen.

Überflieger - Kleine Vögel, großes Geklapper

Doch dann kommt der Herbst, und für die Störche steht die lange Reise in den Süden bevor. Ehe er sich versieht, ist Richard schon wieder allein. Er erfährt, dass er in Wirklichkeit ein Spatz ist, und als er eines Morgens aufwacht, ist seine Adoptivfamilie verschwunden. Weil der kleine Kerl nicht die nötige Ausdauer besitzt und die anstrengende Reise deshalb kaum überleben würde, hat man ihn lieber gleich zurückgelassen. Der Storchenpapa hat es so angeordnet.

„Überflieger“ tut sich schwer mit diesem Anfang. Nicht etwa, weil er sein junges Publikum in kürzester Zeit gleich zweimal mit Verlustängsten konfrontiert, sondern weil er die Bindung zwischen Adoptiveltern und Adoptivkind nicht ernst nimmt. Dass die liebende Storchmutter Richard einfach so im Stich lässt, nachdem sie sich zuvor so rührend um ihn gekümmert hat, ist wenig glaubwürdig und entpuppt sich als ziemliche Hürde, um das eigentliche Abenteuer in Gang zu setzen. Denn wie es sich für einen jungen gutgläubigen Vogel gehört, hält Richard das Ganze erst einmal für ein Missverständnis. Ihn packt sogleich der Ehrgeiz, den Zugvögeln zu folgen. Als es Richard gelingt, zwei andere Außenseiter als Begleiter zu gewinnen, beginnt die beschwerlich lange Reise, die schließlich über Umwege wirklich bis nach Afrika führt. Unterwegs wird sich Richard darüber klar, wer er ist und wo er hingehört.

Immer wieder legt der technisch solide CGI-Animationsfilm sein Erzählprinzip offen. Richard hangelt sich von Hindernis zu Hindernis, wobei die vielen Steine, die ihm in den Weg gelegt werden, nur dazu da sind, ihn stärker zu machen. Hinzu kommen die üblichen Sidekicks mit ihren Macken. Tatsächlich verleihen sie dem oft formelhaften Film ein wenig Farbe – etwa die Zwergeule Olga, die wie Richard ein wenig anders als ihre Artgenossen ist, weshalb sie ebenfalls von ihrer Familie verstoßen wurde und nun den imaginären Freund Oleg an ihrer Seite hat, oder der Möchtegern-Superstar Kiki, ein von sich außerordentlich überzeugter Wellensittich, der im Laufe der Reise sein Selbstbild korrigieren muss. So geht es auf verschiedenen Eben immer wieder um Identitäten sowie Selbst- und Fremdwahrnehmungen – und darum, dass man letztlich doch zumindest mitentscheiden kann, wer man sein möchte.

All dies ist durchaus nett anzusehen, und vor allem punktet „Überflieger“ mit liebevoll gestalteten Hintergründen und Lichtstimmungen, die dem Film eine schöne Atmosphäre verleihen. Andererseits aber entpuppt sich die Geschichte eben auch nicht als sonderlich einfallsreich; sie vernachlässigt echte Emotionen zugunsten oberflächlicher dramaturgischer Effekte und folgt trotz einer sympathischen Grundidee nur bekannten Erzählmustern. Mehr großes Geklapper als eine schöne Melodie.

Stefan Stiletto, FILMDIENST 10/2017