Unter aller Augen

Gewalt gegen Frauen ist keineswegs ein Signum rückständiger Gesellschaften, das sich im Zuge der Globalisierung von selbst erledigt Vielmehr bestimmt sie immer noch die Schlagzeilen, wenn es um Gruppenvergewaltigungen in Indien oder um die Lockerungen von Strafen bei häuslicher Gewalt in Russland geht.

Unter aller Augen

Die Empörung ist dann jedesmal groß; doch die Ursachen der schwachen Position von Frauen werden gerne ausgeblendet, wenn sie in unseren „zivilisierten“ Gefilden für gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden, in lukrativen Management-Jobs durch Abwesenheit glänzen oder als Stalking-Opfer bis zur gesetzlichen Nachjustierung durch Justizminister Heiko Maas erst den Wohnsitz ändern mussten, um ihre Verfolgung nachzuweisen. „Nicht das Opfer soll sein Verhalten ändern müssen, sondern der Täter“, so Maas.

In Ländern wie Bangladesch, Benin oder Kongo, daran lässt Regisseurin Claudia Schmid in ihrem Dokumentarfilm „Unter aller Augen“ keinen Zweifel, kommen Männer erst gar nicht auf die Idee, ihr Verhalten zu verändern. Grinsend und mit erhobenem Finger dozieren sie in die Kamera, dass „alle Frauen dumm sind“, dass sie „ihre Gefühle nicht aussprechen dürfen“, „die Wäsche fertig gewaschen haben müssen, wenn der Mann“, der in einem Land wie Kongo nur halb so viel arbeitet wie die Frauen, „nach Hause kommt“, dass sie „dem Mann nicht sagen dürfen, dass sie Sex haben wollen“, denn dann droht die Abwertung als „Hure“, schließlich besitzen Männer, die sich außerhalb ihres Heims in diversen Sextechniken ausprobieren dürfen, Häuser, aus denen sie die mittellosen und ungehorsamen Frauen hinausschmeißen können. „Frauen, die ausgehen, autonom sind, sind Prostituierte“, die jeder Gatte nach seinem Gusto bestrafen darf, mit Zustimmung der Polizei und der „Bibel“, die immer wieder gerne als Totschlagargument herbeizitiert wird.

Misogynen Tiraden wie diesen stellt der Film Fakten der Versklavung und ökonomischen Ausbeutung gegenüber, die in ihrer geballten Ladung nur schwer zu ertragen sind. Im bürgerkriegsversehrten Kongo betreffen die haarsträubenden Zahlenkolonnen etwa eine halbe Million Vergewaltigungen, in Bangladesch, wo nur Frauen die Ehre verlieren können und keinerlei Gesetz ihre Misshandlung verhindert, erfahren 40 Prozent der meist schon als Kinder zwangsverheirateten Frauen Gewalt durch ihre Partner, bis hin zu Verstümmelung und Mord. Die betroffenen Frauen und Mädchen schildern ihre Qualen unter Tränen, erzählen aber auch wütend vom sozialen Druck und von Traditionen, die selbst zugunsten von geistig behinderten Männern ausgelegt werden, wenn diese von ihrer Sippe mit unehelichem und deshalb ehrlosem Jungfleisch versorgt werden.

Fürs Resultat einer verspäteten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe kann man diese erschütternden Biografien aber kaum halten, denn Schmid wird auch mitten in Deutschland fündig. Ihre Gesprächspartnerin bringt ihre Ohnmacht nach Jahrzehnten der Therapie bewundernswert analytisch auf den Punkt: Sie sei „gefangen gewesen im System der Machtausübung“. Der Psychoterror, dem sie in einer Ehe mit drei Kindern ausgesetzt war, gründete auf Manipulation, Abschottung und Kontrolle, die vor allem die sexuelle Unterwerfung zum Ziel hatten. Das Zusammenleben sollte ausschließlich den Wünschen des sexfixierten, sadistischen Gatten dienen, der keine Gelegenheit ausließ, um seine Privatdienerin mit dem Tod zu bedrohen und der es nach der Scheidung sogar hinbekam, die Kinder gegen sie aufzubringen. Dies alles geschah in einem kleinen Ort vor den Augen der Nachbarn, die lieber die Schreie nebenan überhörten, als ihren Anschein der wohlanständigen Idylle zerstören zu müssen.

Man kann dem Film und seiner Regisseurin vorwerfen, dass seine anklagende Botschaft mit zu vielen, in den grausamen Details ähnlichen Lebensgeschichten überfrachtet wird; mitunter hat man fast den Eindruck, die Inszenierung setzte sie beinahe effekthascherisch ein, ohne dass das Spektrum um zusätzliche Erkenntnisse erweitert würde. Nach der Hälfte des zwischen den Ländern langatmig hin und her springenden Films muss Schmid eigentlich keine Überzeugungsarbeit mehr leisten. Das Unrecht, das viel zu vielen Frauen immer noch widerfährt, ob in der „Dritten“ oder der „Ersten“ Welt, schreit zum Himmel. Mit dem Unterschied allerdings, dass die bislang mit Künstlerporträts reüssierende Regisseurin in Deutschland offenbar keinen Mann gefunden hat, der sein prähistorisch-patriarchales Weltbild mit Vergnügen ausgebreitet hätte. Der gesellschaftliche Druck geht nach Jahrzehnten mühsamer Auseinandersetzung um die Gleichstellung der Geschlechter anscheinend in eine andere Richtung. Rückfälle nicht ausgeschlossen. Immerhin.

Alexandra Wach, FILMDIENST 6/2017