Verleugnung

Ein Hörsaal in der Emory University in Atlanta im Jahr 1994. Am Pult steht Deborah Esther Lipstadt, Professorin für Jüdische Zeitgeschichte und Holocaust-Studien; sie spricht über ihr neues Buch, in dem sie sich mit der Leugnung der Shoah auseinandersetzt. Nein, erwidert Lipstadt auf eine Frage aus dem Publikum, mit Holocaust-Leugnern diskutiere sie nicht.

Verleugnung

Wie auf Knopfdruck erhebt sich ein Herr aus der hinteren Reihe, um der Wissenschaftlerin fehlende Diskursbereitschaft vorzuwerfen: Hier poltert David Irving leibhaftig, den Lipstadt in ihrem Buch „Denying the Holocaust“ als Paradebeispiel des Geschichtsklitterers bloßstellt. Fassungslos erlebt die Professorin, wie der ultrarechte Autor mit Geldscheinen wedelt; 1.000 Dollar biete er jenem, der ihm Hitlers Befehl zum Massenmord an den Juden zeigen könne.

Die unheimliche Begegnung Lipstadts mit Irving in Atlanta hat nie stattgefunden; sie stammt aus der Feder des Drehbuchautors David Hare und wirkt ein wenig theatralisch. Dramaturgisch mag das durchaus sinnvoll sein, die Widersacher in der Exposition in Stellung zu bringen; in Wirklichkeit trafen sie sich erst vor Gericht.

„Verleugnung“ erzählt die wahre Geschichte eines Prozesses in London, der Ende der 1990er-Jahre die Gemüter erregte. Im September 1996 verklagte Irving Lipstadt und den Verlag Penguin Books, weil man sich dort geweigert hatte, „Denying the Holocaust“ zurückzuziehen. Irving fühlt sich durch das Buch beleidigt; er reichte Klage wegen übler Nachrede und Geschäftsschädigung ein. Da die Beweislast nach englischem Recht beim Beklagten liegt, mussten Lipstadt und der Verlag den Richter davon überzeugen, dass die Autorin Irving zu Recht als Hitler-Bewunderer und Sprachrohr der Holocaust-Leugner bezeichnet hatte.

In dem 300 Seiten starken Buch „History on Trial. My Day in Court with a Holocaust Denier“ (2005), das als Vorlage für den Film diente, beschreibt Lipstadt eindrucksvoll die Vorbereitungen auf den Prozess sowie die Verhandlung am Londoner High Court. Eine Tortur, die sich die kämpferische Historikerin auferlegte, um einen Präzedenzfall zu vermeiden. Lipstadt schlug nämlich ein Vergleichsangebot aus, das Irving vor Prozessbeginn unterbreitet hatte, weil sie künftigen Holocaust-Leugnern den Wind aus den Segeln zu nehmen wollte.

Das Drehbuch strafft den Prozess, lässt beispielsweise eine Auseinandersetzung um die Bombardierung Dresdens aus. Statt ein Handlungskontinuum vorzutäuschen, werden Sprünge im Ablauf markiert; Zahleneinblendungen benennen die Verhandlungstage, die sich die Filmadaption herausgreift. Die Causa Auschwitz bleibt stehen, in die Verhandlung gebracht durch Irvings Behauptung, dort seien keine Menschen vergast worden. Die Verteidigung hält genügend Beweise bereit, die belegen, dass es der Pseudo-Historiker besser wissen müsste.

Obwohl die arg reißerische Filmwerbung es nahelegt, musste Lipstadt vor Gericht keineswegs den Beweis erbringen, dass der Massenmord stattgefunden hat. Im Blick aufs Publikum kommen Lipstadts Buch wie dem Film allerdings durchaus aufklärerische Funktionen zu. Im ersten Filmdrittel wird eine Exkursion der Historikerin mit ihren Anwälten in Auschwitz geschildert. Die nachdrückliche Frage des Anwalts Richard Rampton, warum es bis dato keine wissenschaftliche Untersuchung der Gaskammern gegeben habe, bringt seine Mandantin, Tochter von den Nazis verfolgter Juden, zunächst aus der Fassung. Die Frage ist jedoch begründet, da Irving mit dem pseudowissenschaftlichen „Leuchter-Report“ argumentiert. In diesem Gutachten für ein Gerichtsverfahren 1988 in Kanada wurden falsche Schlüsse aus der angeblich zu geringen Blausäurekonzentration einer Gaskammer gezogen.

Bei der Exkursion wird diese These restlos demontiert (in Deutschland ist die Verbreitung des „Leuchter-Reports“ strafbar). Den Filmemachern ist dabei hoch anzurechnen, dass sie die Dialektik der aus dem Buch übernommenen Szene bewahrt haben: Rampton beharrt auf Überprüfung der Fakten, was die Gefühle seiner Mandantin verletzt, weil ihr die Würde der Toten und das Gedenken am Ort des Grauens über alles gehen. Lipstadt setzt sich von der Gruppe ab und betet. Beide haben Recht, der Anwalt wie seine Mandantin. Später, in London, folgt eine „Erkennungsszene“, in der Lipstadt die Strategie Ramptons würdigt.

„Gewinnen ist ein Akt der Selbstverleugnung.“ Diesen Satz ihres Kronanwalts kann Lipstadt erst am Ende unterschreiben. Gespielt wird sie von Rachel Weisz, die vor allem mimisch sichtbar macht, wie ausgeliefert sich die Protagonistin fühlt. Da die eloquente Wissenschaftlerin auf Anraten der Verteidigung vor Gericht schweigen soll, wird sie ihres wichtigsten Instruments beraubt: der Sprache. Die Regie von Mick Jackson bewegt sich in konventionellen Bahnen, was die starke Performance der Hauptdarstellerin aber nicht stört. Weisz beglaubigt die Irritation einer Frau, die sich auf vollkommen ungewohntes Terrain begeben muss. Juristische Feinheiten und Winkelzüge bleiben ihr fremd.

Ihr Ansinnen, Holocaust-Überlebende in den Zeugenstand zu rufen, wird von ihren Anwälten abgelehnt. (In Wirklichkeit waren die Beklagte und ihre Verteidiger in dieser Sache einer Meinung). Tom Wilkinson spielt den Anwalt Rampton mit knurriger Wärme, was eine gewisse Distanz zwischen Mandantin und Verteidigung wahrt. Mitunter wirkt dieser Abstand wie ein Schein-Antagonismus – ein kluger Schachzug des Drehbuchs, das auf diese Weise die Aufmerksamkeit von Irving weg auf den inneren Zirkel seiner Gegenspieler lenkt.

Letztlich geht es nämlich nicht um die Person des armseligen, sich notorisch zum Opfer stilisierenden Hitler-Apologeten, sondern um dessen als freie Rede („Das wird man ja noch sagen dürfen“) getarnte rassistische Ideologie. Timothy Spall, der auf einem schmalen Grat zwischen darstellerischer Präsenz und Understatement balanciert, ist in der Irving-Rolle ideal besetzt. Die Sparsamkeit der Mittel, mit der sich das Darstellerensemble insgesamt hervortut, hätte auch der manchmal effekthascherischen Kameraarbeit gutgetan, und noch mehr der Filmmusik, die bei Howard Shore viel zu sehr aufs Gefühl drückt.

Trotz solcher Einwände bietet „Verleugnung“ in einer Zeit „alternativer Fakten“ das richtige Gegenmittel gegen Lügner, Hetzer und Verschwörungstheoretiker: nämlich das ihrer Marginalisierung. Nachdem Irving den Prozess verloren hat, verschwendet Lipstadt (im Film) kein Wort mehr über ihn und seine Anliegen. Stattdessen lässt das Drehbuch die Professorin sehr aktuelle Worte sprechen: „Die Sklaverei hat es genauso gegeben wie die Pest, die Polkappen schmelzen, und Elvis lebt nicht mehr. Das gilt es zu akzeptieren.“

Jens Hinrichsen, FILMDIENST 8/2017