Vezir Parmagi

„Vezir parmağı“ (Des Wesirs Finger) ist eigentlich eine ziemlich schmackhafte Süßigkeit aus der Türkei. In Mahsun Kırmızıgüls neuestem Spielfilm gleichen Namens geht es genauso süßlich, bunt und oft auch krachledern zu – ein bollywoodeskes Lustspiel über ein Dorf, dem die Männer abhanden gekommen sind. Weitaus weniger politisch als die vorhergehenden Kırmızıgül-Filme wie „Mucize – Wunder“ (fd 42 859), aber auch weniger pathetisch.

Vezir Parmagi

„Vezir parmağı“ (Des Wesirs Finger) ist eigentlich eine ziemlich schmackhafte Süßigkeit aus der Türkei. In Mahsun Kırmızıgüls neuestem Spielfilm gleichen Namens geht es genauso süßlich, bunt und oft auch krachledern zu – ein bollywoodeskes Lustspiel über ein Dorf, dem die Männer abhanden gekommen sind. Weitaus weniger politisch als die vorhergehenden Kırmızıgül-Filme wie „Mucize – Wunder“ (fd 42 859), aber auch weniger pathetisch.

Irgendwo im Osten Anatoliens, irgendwann im Osmanischen Reich. In einem abgelegenen Dorf beginnen die Frauen „auszutrocknen“: der Krieg „gegen die Ungläubigen“ hat alle Männer verschlungen, die als „Märtyrer“ auf den Schlachtfeldern geblieben sind. Die zurückgebliebenen Frauen plagt das „Feuer“, gegen das auch die verbliebenen drei männlichen Gestalten – der schon leicht debile Opa Ali und seine jüngeren, aber etwas zurückgebliebenen Jünger – keinen Rat wissen. Also schicken die Frauen einen Brief in die Hauptstadt, wo ein mitleidiger Wesir einen Trupp „Zuchtmänner“ zusammenstellt, um die offenbare sexuelle Not der Frauen zu lindern.

Dabei handelt es sich um eine Gruppe verarmter Lastenträger, die mit ihrem heroischen Auftrag zur Rettung des Vaterlandes unerwartet in den Rang von Staatsbeamten erhoben werden. Sie stammen, der Vielvölkerstruktur des ehemaligen Osmanischen Reichs – und auch der heutigen Türkei – entsprechend aus ganz unterschiedlichen Ethnien: einer der Männer kommt aus Diyarbakir, der nächste von der Schwarzmeerküste, wieder ein anderer ist Araber, einer kommt aus Thrakien. Kırmızıgül, selbst zazaisch-kurdischer Abstammung, spielt selbst einen der Lastenträger.

„Vezir parmağı“ beobachtet den Weg der ungewöhnlichen Gruppe in den fernen Osten, der auch ein Weg der Selbstbefreiung aus dem Untertanengeist der Armut ist. Tagelang geht es durch faszinierende Landschaften, darunter der Salzsee, auf dem Kırmızıgül schon eine der Schlüsselszenen seines Spielfilmdebüts „Beyaz Melek / Weißer Engel“ (fd 38 482) gedreht hat. Von Tag zu Tag steigt das Selbstbewusstsein in der Gruppe, bis es in eben jenem Dorf in vollendeter sexueller Selbstbefreiung gipfelt.

Der Regisseur Kırmızıgül, der nach einer beachtlichen Musiker-Karriere mit 16 Millionen verkauften Alben ins Filmgeschäft eingestiegen ist, stellte sich bisher mit dramaturgischer Wucht auf die Seite der Benachteiligten – erst die an den Rand der Gesellschaft gedrängten Alten, dann die Situation der entwurzelten Kurden. In „Vezir parmağı“ dagegen geht es zunächst um den Spaßfaktor: der Film über die weibliche und männliche Lust ist ein buntes orientalisches Musical nach Bollywood-Vorbild. Gerne mal derbe, werden jede Menge oberschwellige Anspielungen zum Besten gegeben, aber kein einziger Kuss gezeigt und was darüber hinausgehen könnte. Szenisch gut verarbeitete Tanzeinlagen, ein beidgeschlechtlich selbstbewusstes Ensemble, ein Schauspiel mit bunten Burkas und zuweilen leicht schrägen Charakteren bietet pralle Unterhaltung für ein Publikum, das außerhalb der Kinos nicht mehr so viel zum Lachen hat. Und, ganz nebenbei, sind auch die Sympathien eindeutig verteilt: hier die einfachen, aber würdevollen Frauen und Männer bei ihrer recht zielgerichteten Suche nach der Lust, dort der fiese Richter aus dem Nachbardorf, der vor allem nach finanzieller Befriedigung giert. Am Ende schlägt Authentizität Intrige – womit das lüsterne Musical, dessen Sequel bereits in Planung ist, zu einer für Kırmızıgülsche Verhältnisse ausgewogen und mit leichter Hand erzählten Parabel mit subversiven Untertönen hinter schriller Fassade wird.

Bernd Buder, FILMDIENST 4/2017