Drama | Australien 2015 | 128 Minuten

Regie: Neil Armfield

In den 1970er-Jahren verlieben sich zwei australische Jugendliche ineinander und werden trotz aller gesellschaftlichen und familiären Hindernisse ein Paar. In der Zeit der homosexuellen Emanzipation leben sie einige Jahre ihr gemeinsames Glück, bis beide an AIDS erkranken und sich der tödlichen Diagnose stellen müssen. Nach einem autobiografischen Zeugnis entstandenes Drama, das weniger auf die zeitlichen Umstände als auf die Schilderung einer großen Liebesbeziehung abzielt. Während nicht alle Regieeinfälle passend erscheinen, überzeugen die guten Darsteller und die berührende Visualisierung der Krankheit. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
HOLDING THE MAN
Produktionsland
Australien
Produktionsjahr
2015
Produktionsfirma
Screen Australia/Goalpost Pic./Snow Republic/John Barry Group
Regie
Neil Armfield
Buch
Tommy Murphy
Kamera
Germain McMicking
Musik
Alan John
Schnitt
Dany Cooper
Darsteller
Ryan Corr (Timothy Conigrave) · Craig Stott (John Caleo) · Kerry Fox (Mary Gert Conigrave) · Camilla Ah Kin (Lois Caleo) · Sarah Snook (Pepe Trevor)
Länge
128 Minuten
Kinostart
02.06.2016
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm
Externe Links
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Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs, des Drehbuchautors und der Produzentin Kylie du Fresne.

Verleih DVD
Pro-Fun (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl.)
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Leben, Lieben und AIDS-Erkrankung eines australischen Männerpaars - von den 1970ern bis in die 90er

Diskussion
Der Soundtrack gibt die Richtung vor: „Do what you wanna do, be what you wanna be“ – für Tim sind die motivierenden Zeilen aus dem Song „Because I Love You“ der australischen Popgruppe Masters Apprentices sein Lebensmotto. Selbst wenn das bedeutet, an einer High School Mitte der 1970er-Jahre und in Zeiten, in denen die Gesellschaft das noch als kriminelle Handlung behandelt, keinen Hehl daraus zu machen, dass er homosexuell ist. Vom Versteckspielen hält Timothy Conigrave nichts. Souverän kontert er die Sticheleien seiner Mitschüler und geht mit unerschütterlichem Selbstvertrauen vor, als er sich verliebt: Der Rugby-Spieler John Caleo wirkt zuerst wenig begeistert von Tims offenem Werben, doch erweist sich bald, dass er dessen Gefühle erwidert. Aus ersten verstohlenen Küssen wird rasch mehr, was auch ihrer Umwelt nicht verborgen bleibt. Während Kameraden, Lehrer und Tims Eltern verhältnismäßig tolerant reagieren, stellt sich Johns Vater gegen die beiden und will seinen Sohn von Tim fernhalten. Was dieser freilich nicht akzeptiert: Hatte er kurz zuvor noch in einer Schulaufführung von „Romeo und Julia“ mitgespielt, erlebt er nun mit John seine eigene Balkonszene. Durch ein Fenster tauschen sie heimlich zärtliche Worte, um dann das trennende Fliegengitter zwischen ihnen runter zu reißen und gemeinsam zu fliehen. Ein unglückliches Ende durch elterliche Schuld wie bei Shakespeare? Nicht, wenn es nach ihnen geht! Wie der Film von Neil Armfield allerdings unmittelbar nach seinem optimistischen Auftakt klarmacht, sind Tim und John nicht dauerhaft Herren über ihr Schicksal. Ein Sprung ins Jahr 1985 zeigt, wie beide bei ärztlichen Untersuchungen erfahren, dass sie an AIDS leiden. Das weitere lässt sich auch erahnen, wenn einem die Namen Timothy Conigrave und John Caleo vor dem Film nicht geläufig gewesen sind: Nach jahrelangen Qualen und wirkungsloser Behandlung stirbt 1992 erst John, Tim zwei Jahre später. Kurz vor seinem Tod vollendet er sein Buch „Holding the Man“ über ihre Beziehung, das in Australien – ebenso wie das danach entstandene Theaterstück von Tommy Murphy – bis heute eines der bekanntesten AIDS-Zeugnisse ist. In der mit fast zwanzigjährigem Abstand erfolgten Verfilmung von Buch und Bühnenstück spielt die homosexuelle Emanzipation ab den 1970er-Jahren zwar eine Rolle, ihre zeitgeschichtlichen Stationen in Australien werden aber lediglich gestreift. In Hinblick auf den zeitlichen Abstand zu den dargestellten Ereignissen wären ein wenig mehr historische Informationen durchaus willkommen gewesen, doch Regisseur Neil Armfield hat einen anderen Weg gewählt. So wie schon in seinem vorherigen Film, dem Junkie-Drama „Candy – Reise der Engel“ (fd 37 788), stellt er auch in „Holding the Man“ die Liebesbeziehung der Hauptfiguren in den Vordergrund. Die Zeitumstände werden nur insofern aufgegriffen, wie sie John und vor allem Tim direkt betreffen, etwa im Engagement in studentischen Aktivisten-Gruppen oder eben auch in der AIDS-Erkrankung, nachdem beide während einer kurzen einvernehmlichen Trennungsphase auch mit anderen Männern geschlafen haben. Eher greift der achronologisch erzählte Film noch die Selbstverwirklichung der beiden auf – Tims erste Erfolge als Schauspieler, Johns Ausbildung zum Chiropraktiker, die Auseinandersetzungen mit den Eltern –, bevor er im authentischen Porträt der langsam Sterbenden die Krankheit als ultimative Bewährungsprobe der Liebesbeziehung zeichnet. Für die Visualisierung dieser großen Liebe findet Armfield allerdings nicht immer passende Mittel. Die makellosen, sommerlich-nostalgischen Bilder des Anfangs haben im gedrückten Tonfall der Krankheitsszenen kein Äquivalent und wirken daher im Rückblick eher übertrieben. Mancher Bildeinfall erscheint gar plakativ, wenn etwa Tim auf der Theaterbühne erst die Liebe zu seiner Partnerin mimen kann, nachdem er John im Zuschauerraum erblickt hat, und man ihm deutlich ansieht, welches Licht ihm da aufgeht. Eine gute Wahl hat Armfield immerhin mit seinen Hauptdarstellern getroffen. Vor allem Ryan Corr bietet eine temperamentvolle Leistung als selbstbewusster Tim, während Craig Stott als John lange das gutaussehende, eher passive Objekt der Begierde bleibt, bis er in der Agonie des AIDS-Tods doch noch sein Können beweisen darf. Dass der Film hier bis zum bitteren Ende naturalistisch und weit expliziter als vergleichbare US-Produktionen bleibt, darf man getrost auch als Erinnerung an die noch immer bestehende AIDS-Gefahr verstehen. Was in Zeiten, in denen die Krankheit aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden scheint, durchaus mal wieder in aller Deutlichkeit ausgesprochen werden darf.
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