Drama | Russland/Deutschland 2014 | 93 Minuten

Regie: Iwan I. Twerdowski

Eine an den Rollstuhl gefesselte 16-Jährige will nach Jahren der Abwesenheit wieder in die Schule gehen, wo sie in einer so genannten Anpassungsklasse mit körperlich und geistig Behinderten landet. Sie lässt sich davon nicht beirren und verliebt sich zudem in einen Klassenkameraden, was bei den Erwachsenen auf Empörung stößt und unter den Mitschülern Neid und Missgunst weckt. Der semidokumentarische, in den Hauptrollen mit talentierten Schauspielschülern besetzte Debütfilm setzt auf eine entfesselte Handkamera, Tempo und ungeschönten Realismus, um ein überfordertes Schulsystem anzuprangern, in dem Ausgrenzung und Mitleidlosigkeit herrschen. - Sehenswert ab 16.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
KLASS KORREKTSII
Produktionsland
Russland/Deutschland
Produktionsjahr
2014
Produktionsfirma
Jomami Filmprod./New People Film Co.
Regie
Iwan I. Twerdowski
Buch
Mariya Borodyanskaya · Dmitry Lanchikhin · Iwan I. Twerdowski
Kamera
Fedor Struchev
Schnitt
Iwan I. Twerdowski
Darsteller
Maria Pojeschajewa (Lena Chekhova) · Filipp Avdeyev (Anton Sobolev) · Nikita Kukuschkin (Mishka) · Olga Lapshina (Polina Grigorevna) · Natalya Pavlenkova (Svetlana Viktorovna)
Länge
93 Minuten
Kinostart
28.04.2016
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
Externe Links
IMDb | TMDB

Ungeschönte Anprangerung des überforderten russischen Schulsystems

Diskussion
Das Thema Inklusion ist in Deutschland zurzeit in aller Munde, sei es im schulischen oder sozialpolitischen Bereich. In Russland sieht das noch anders aus, wobei man keine Klischees und Vorurteile bemühen muss. Immerhin ist „Lenas Klasse“ über eine behinderte Schülerin in einer Anpassungsklasse nach einem Roman der russischen Kinderpsychologin Jekaterina Muraschowa entstanden, was allein schon darauf hinweist, dass auch in Russland ein vorsichtiges Umdenken stattfindet. Dennoch ist nicht zu verkennen, dass dort viele der so genannten Anpassungsklassen (nicht etwa Förderklassen!) für körperlich oder geistig Gehandicapte eher wie eine Besserungsanstalt oder ein Gefängnis anmuten als wie eine soziale Einrichtung, die sich um das Wohl benachtei-ligter Schüler sorgt und ihnen helfen möchte. Im Gegenteil: Es scheint fast so, als ob die Jugendlichen in diesen Anpassungsklassen nach einem falsch verstandenen Darwinismus eine letzte Chance bekommen, sich der Norm anzupassen, was angesichts ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse geradezu höhnisch klingt. Diesen Hintergrund sollte man berücksichtigen, wenn man das Spielfilmdebüt des jungen russischen Regisseurs Iwan I. Twerdowskij sieht. Die 16-jährige Lena leidet unter Myopathie, einer Muskelschwäche, die sie an den Rollstuhl fesselt. Nach Jahren des Heimunterrichts möchte sie endlich wieder eine Schule besuchen und zusammen mit Gleichaltrigen lernen. Die Schulleitung und die desinteressierte Lehrerschaft zeigen sich davon wenig begeistert. Sie versprechen nur widerwillig, für den Rollstuhl an der Außentreppe eine Rampe zu bauen, und stecken Lena in eine vom Rest der Schule abgeriegelte Anpassungsklasse mit körperlich und geistig Behinderten. Zum Glück findet sie Anschluss an eine Clique, in der sich auch der tonangebende unsensible Mika und Anton, der unter Epilepsie leidet, befinden. Beide interessieren sich für ihre neue Mitschülerin, doch Lena gibt Anton den Vorzug, der sie nun jeden Morgen von zu Hause abholt und sich aufopferungsvoll um sie kümmert. Als sich die beiden ineinander verlieben, reagieren die Erwachsenen mit Empörung, unter den Mitschülern wachsen Neid und Missgunst, was bald in offener Gewalt eskaliert und zu weiteren Ausgrenzungen führt. Ursprünglich wollte sich der Regisseur dem Thema der lediglich aufgrund der Behinderungen sehr spezifischen Sozialisation von Jugendlichen in einer Anpassungsklasse dokumentarisch nähern. Er erkannte aber, dass er weiter kommen würde, wenn er die Hauptrollen mit talentierten Schauspielschülern besetzt. Um die Geschichte authentisch und in Augenhöhe der Jugendlichen zu erzählen, mussten die Darsteller ihre Dialoge selbst entwickeln, was den Film weniger inszeniert als dokumentarisch wirken lässt. Bis auf kurze ruhige Momente des Glücks und der Entspannung schwenkt eine entfesselte Handkamera pausenlos zwischen den Figuren hin und her, was der Authentizität ebenfalls dienen soll, auf Dauer aber ziemlich nervig ist. Es ist dem intensiven Spiel der Darsteller und vielen starken Szenen (die Mutprobe, sich zwischen den Gleisen von einem Zug überfahren zu lassen) zu verdanken, dass das Interesse an den Jugendlichen nicht verlorengeht. Zugleich übt der Film harsche Kritik an einer Gesellschaft, die auf mitleidloser Ausgrenzung beruht, und an einem überkommenen Schulsystem, das den Gedanken der Integration oder gar der Inklusion noch nicht einmal in Ansätzen zu realisieren weiß.
Kommentar verfassen

Kommentieren