Comicverfilmung | Japan 2014 | 116 Minuten

Regie: Sion Sono

Das Stadtgebiet Tokyos teilt sich in naher postapokalyptischer Zukunft in „Stammesgebiete“ auf, die von unterschiedlichen Banden und Musikkulturen beherrscht werden. Die angespannte Lage eskaliert, als der wahnsinnige Boss einer Gang die Kontrolle über die Stadt übernehmen will. Dynamisch-visionäre Verfilmung eines Mangas, in der vor allem die pulsierende Sound- und Bildgestaltung ein sinnliches Spektakel zelebriert. Neben den gewöhnungsbedürftigen, exzessiv treibenden HipHop-Klängen spielt vor allem auch die Physiognomie der Stadtlandschaft eine Hauptrolle. (O.m.d.U.) - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
TOKYO TRIBE
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2014
Produktionsfirma
Django Film/From First Prod./Nikkatsu
Regie
Sion Sono
Buch
Sion Sono
Kamera
Daisuke Sôma
Musik
B.C.D.M.G.
Schnitt
Junichi Itô
Darsteller
Ryôhei Suzuki (Mera) · Young Dais (Kai) · Nana Seino (Sunmi) · Yôsuke Kubozuka (Nkoi) · Akihiro Kitamura (Mukade)
Länge
116 Minuten
Kinostart
16.07.2015
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Comicverfilmung | Gangsterfilm | Science-Fiction
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Eine betörende „East Side Story“ voller dynamischer Musikstile

Diskussion
Es ist eine bewundernswerte Szene, mit der Sion Sono seinen Film beginnt, und sie allein wäre Grund genug, diesen Film anzusehen. Eine einzige, sehr lange Kamerafahrt bildet den Anfang. Sie folgt zwei der zukünftigen Hauptfiguren durch eine nächtlich belebte Straße, führt sie zusammen und auseinander und präsentiert in den vier bis fünf Minuten, die sie dauert, das Tokioter Stadtviertel Bukuro und seine Menschen. Es ist Nacht, Neonlichter erleuchten die Szenerie und geben ihr einen künstlichen, leicht billigen Glanz. Dann setzt Regen ein, plötzlich und stark, wie aus einer Regenmaschine. Schon dieser klassische „Establishing Shot“, mit dem Kameramann Daisuke Soma von einer Höhe aus einen Panoramablick gestattet und dann mit bestimmten Figuren, ihren Weg verfolgend, in die Szenerie eindringt, sie vorführt und vorstellt, zitiert wie die ganze Einführung das Hollywood-Kino aus der großen Zeit des Studiosystems der 1940er- und 1950er-Jahre. Und dieses Kino, besonders seine Musicals, stehen für den ganzen Film Pate: In seiner Künstlichkeit, seiner Stilisiertheit, seinen Ritualen. Sion Sono spielt mit der Studio- und Technicolor-Ästhetik von „Das zauberhafte Land“ bis „Einer mit Herz“, der er seinen Look entlehnt. Es ist eine „East Side Story“ über rivalisierende Gangster-Banden, Straßenkriminalität, Spielhöllen, Bordelle, Nachtclubs, abenso über diverse Musikszenen und Stilrichtungen. Es dominiert der HipHop, und man könnte den Film als Visualisierung eines HipHop-Songs verstehen, als eine Bildentfaltung, die dessen Inhalte weitgehend wörtlich nimmt. Es ist aber ebenso ein Tokio-Film, so, wie es die New-York- und L.A.-Filme gibt. Die Stadt und ihre Topografie sind das Thema und bis zu einem bestimmten Grad sogar der Hauptdarsteller. Schon die Einführung stellt Shibuya, Shinjuku, Kabukicho und andere Viertel von Japans Hauptstadt vor und charakterisiert sie durch ihre jeweiligen Musikstile. Tokios Topografie ist die einer neuen Stammesgesellschaft . Die Stämme sind die Jugend- und Musikstile, ihre Grenzen sind durch die feinen Unterschiede der Popkultur markiert. Die Erzählung wird dynamisch vom Dauerwummern der Elektrobeats angetrieben. Das ist mitunter gewöhnungsbedürftig, zugleich faszinierend in der Konsequenz, mit der Musikalität hier den Ton angibt. Im Mix der Stile und in seinem Tempo erinnert der Film an eine wahnsinnig gewordene Music-Box. Zugleich ist „Tokyo Tribe“, der auf dem Manga von Santa Inoue basiert, ein Film zum Hingucken, der sich ganz der Logik der Bilder verschreibt. Die Handlung ist gegenüber diesem Spektakel sekundär. Sie spielt in einer nahen postapokalyptischen Zukunft, in der Tokio unter zwei Dutzend rivalisierenden Banden aufgeteilt ist. Es geht um einen Yakuza-Clan, angeführt von einem wahnsinnigen Boss, der die Alleinherrschaft in der Stadt übernehmen will. Ein anderer, friedlicher Clan hält dagegen, und am Ende schließen sich alle Gangs der Stadt gegen den Aggressor zusammen. Schon zu Beginn werden Hoffnung und Freude als Mittel gegen Einsamkeit und „das Ende der Welt“ etabliert, so kann man leicht auch tiefere Bedeutung und friedfertige Botschaften entdecken. Nur kommt es darauf nicht an. Im Kern ist dies ein Film über das Böse, wie immer bei Sion Sono, und dazu gehört, dass das Böse wirklich böse ist und nicht mit der Rationalität schlüssiger Begründungen ausgestattet wird. Was „Tokio Tribe“ zu einem spannenden, unterhaltsamen Film macht, der an Harmony Korines „Spring Breakers“ ebenso denken lässt wie an Kubricks „Uhrwerk Orange“, ist sein Vertrauen in den Vorrang des Visuellen und sein tollkühner Verzicht auf Perfektion. Sions Kino ist konsequent in der Haltung, die Essenz des Mediums im Spektakel und im Exzess zu suchen.
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