The Cloverfield Paradox

Das Horror-Franchise weitet sich zur Weltraum-Odyssee

Diskussion

Menschen haben sich immer schon Gedanken gemacht, was hinter den Rändern der bekannten Welt liegen könnte. Thronen dort die Götter, wie es viele religiöse Mythen behaupten? Oder lauert dort etwas ganz anderes? Für pessimistischere Andersdenker scheint der Himmel eher die Grenze zum Unfassbaren zu sein, ein Tor zur intergalaktischen Hölle.

Von solchen Schwarzsehern wimmelt es im Jahr 2028 zuhauf. Die Erde ist abgewirtschaftet. Die Industriestaaten sind zerstritten und planen nach immenser Aufrüstung einen alles vernichtenden Krieg um die letzten Energiereserven. Abhilfe könnte eine internationale Mission schaffen, die von Verschwörungstheoretikern und Pseudowissenschaftlern lange torpediert wurde, denn mit einem Teilchenbeschleuniger sollen dabei Kraftfelder von horrendem Ausmaß erzeugt werden. Im besten Fall steht damit unermessliche Energie zur Verfügung, im schlimmsten wird die Welt zerstört oder werden Dimensionen geöffnet, durch die etwas Unheilvolles eindringen kann.

Aus diesem Grund wurde das finale Experiment ins All verlegt. Die Crew der Cloverfield-Raumstation unter Leitung der US-Amerikanerin Ava Hamilton soll das Shepard-Experiment zum Erfolg führen. Doch die Versuche unter Aufsicht des Deutschen Ernst Schmidt (Daniel Brühl) und der Asiatin Tam scheitern immer wieder. Konflikte innerhalb der Crew sind vorprogrammiert, da der russische Offizier Volkov den beiden Sabotage vorwirft. Als der Teilchenbeschleuniger dann endlich doch funktioniert, passiert eine Katastrophe. Die Erde ist verschwunden. Innerhalb der Station mischt sich unter die Verzweiflung bald Ratlosigkeit und blanker Horror, als peu à peu die Gesetze von Physik und Logik keine Bedeutung mehr zu haben scheinen.

Die Prämisse, die dem Drehbuch von Oren Uziel zugrunde liegt und ursprünglich unter dem Titel „Gottesteilchen“ verfilmt werden sollte, ist ebenso großartig wie bekannt. Sie kombiniert die Phantasmagorie eines H.P. Lovecraft mit den Science-Fiction-Philosophien eines Stanislaw Lem. Stuart Gordons „From Beyond – Alien des Grauens“ (fd 26 984) trifft auf Andrej Tarkowskis „Solaris“ (fd 20 140), was in einer die Sinne aushebelnden Mischung aus „Nichts ist so, wie es scheint“ und „In jeder Ecke kauert ein Monster“ durchaus für Gänsehautmomente sorgt. Zusätzliche Faszination erhält die filmische Prämisse durch die Einbindung in das von J.J. Abrams kreierte „Cloverfield“-Universum. Der „Found Footage“-Horrorfilm „Cloverfield“ (fd 38 579), in dem Riesenmonster aus heiterem Himmel über Manhattan herfallen, sowie das Sequel „10 Cloverfield Lane“ (fd 43 829), in dem sich eine Gruppe vor vermeintlichen Außerirdischen in einem Bunker verschanzt, bilden den stimmungsvoll-unheiligen Rahmen für ein intergalaktische Endzeitabenteuer.

Doch während die ersten beiden Teile mit Erklärungsversuchen jeglicher Art geizen und Bezüge zu einem „großen Ganzen“ noch recht vage gehalten sind, versuchen die Macher hier nun die Zusammenhänge zu beleuchten. Die aber geraten arg ungelenk. Der Versuch, eine Art Parallelhandlung auf der Erde zu konstruieren, in der Avas Mann mit einer von Monstern verseuchten Stadt klarkommen muss, wirkt seltsam ideenlos und wie ein Fremdkörper in einer eigentlich im Weltraum verorteten „Space Odyssey“. Hier hat die Crew inzwischen nicht nur realisiert, dass ihre Raumstation Millionen Kilometer von der Erde weggerückt wurde, sondern dass sich zunehmend Paralleluniversen in ihre Realität einmischen. Etwa in Gestalt eines neuen Besatzungsmitglieds, das sich seltsam gut mit der Crew auskennt, aber von gänzlich anderen historischen „Fakten“ berichtet. Stammt sie aus einem Universum, in dem Ava und Michael mit ihren toten Kindern noch eine glückliche Familie sind?

Von der (Un-)Möglichkeit, beide Universen wieder zu trennen und zurück zur „richtigen“ Erde zu kommen, handelt der Großteil von „The Cloverfield Paradox“. All das in 102 Minuten stringent zu lösen und zudem noch das Endzeit-Chaos auf der Erde einbinden zu wollen, ist ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Vielleicht hätte man Mut und Geduld aufbringen müssen, nach einem reinen Weltraumabenteuer noch einen vierten Film zu erzählen, der dann alle Fäden zusammenführt. Jetzt ist ein Film herausgekommen, der kaum Raum zur Entfaltung des Horrors lässt, mit dem sich die Protagonisten konfrontiert sehen. Der hätte einiges zu bieten: von den Ressentiments politischer Anschauungen bis hin zur Verschmelzung von Mensch und Maschine zwischen den Dimensionen.

Es scheint fast so, als würden man den Monstern nicht mehr Herr, die man rief, um aus verschiedenen Filmen ein Ganzes zu machen. Bis zum Erweis des Gegenteils in einem weiteren „Cloverfield“-Epigonen ist das die wahre Tragödie.



PS: Die Cloverfield-Merkwürdigkeit. Zum unerwarteten Netflix-Start des Films

Während im „Think Tank“ des Hollywood-Erfolgs-Produzenten J.J. Abrams mehr oder minder verkrampft versucht wurde, aus den Einzelteilen des „Cloverfield“-Franchises – Horrorfilm („Cloverfield“), Psychokammerspiel („10 Cloverfield Lane“) und SciFi-Thriller („The Cloverfield Paradox“) – ein großes episches Endzeitszenario zu stricken, verirrten sich die Produktionsfirmen „Bad Robot Productions“ (Abrams) und Paramount immer mehr auf den aktuellen Distributionspfaden für Kinoproduktionen. Was mal als eine mit 5 Millionen Dollar Budget recht billige Produktion im Genre-Universum des abebbenden „Found Footage“-Hypes geplant war, geriet immer mehr zu einem überdimensioniert produzierten Möchtegern-Blockbuster, der seit Frühjahr 2017 wieder und wieder von Starttermin zu Starttermin rochierte. Dann, inzwischen 45 Millionen Dollar teuer, nahm das Drama binnen weniger Wochen eine ganz unerwartete Wendung. Netflix kaufte die Rechte an dem (Fast-)Kinofilm für stolze 50 Millionen, schaltete prominent, teuer und kurzfristig in den Superbowl-Werbepausen paukenschlagende Trailer zum jetzt erst „The Cloverfield Paradox“ betitelten Werk und platzierte es quasi nach Abpfiff auf seiner Plattform. Von diesem Umstand wussten selbst die beteiligten Schauspieler nichts. Was als Kinofilm geplant wird, kann inzwischen schnell als Stream im Netz enden. Für Daniel Brühl als einem der Hauptdarstelle eine verpasste Chance, weiter an seiner US-Kino-Karriere zu feilen, denn er macht in dem zwiespältigen Werk noch die beste Figur. Weniger allerdings in der deutschen Fassung, denn (vielleicht auch dem Release-Chaos geschuldet?) synchronisiert hier seine Stimme ein anderer.

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