Erinnerung an Heinz Freitag

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Die Crux bei der Synchronisation eines Filmes besteht darin, dass sie umso besser gelungen ist, desto weniger sie auffällt. Entsprechend bleiben die Mitarbeiter bei einer Synchronisation (Übersetzer, Dialogbuchautoren, Cutter, Tonmeister) für gewöhnlich völlig im Dunkeln. So war auch der Dialogbuchautor und Synchronregisseur Heinz Freitag für die meisten Zuschauer ein Unbekannter, denn ganz im Sinne einer gelungenen Synchronisation blieb er unauffällig im Hintergrund. Aber für die, die mit ihm zusammenarbeiten durften und seine Arbeit kannten, war er von einer wunderbaren Präsenz und eine absolut verlässliche Autorität.

2008 kam ich anlässlich der Synchronisation des chinesischen Spielfilms „Liebeswunden“ von Zhuang Yuxin zum ersten Mal mit Heinz Freitag zusammen. Seine Frau Jie Zhao hatte die Rohübersetzung gemacht. Es war überhaupt erst die zweite Synchronisation, die ich für den Kultursender 3sat zu betreuen hatte. Heinz Freitag dagegen war ein etablierter Profi, vor dem man gehörig Respekt haben konnte. Erst 2003 war er für seine „Herausragende Leistung im Bereich Filmsynchron bei Co-Produktionen“ für Roman Polanskis Film „Der Pianist“ mit dem Deutschen Preis für Synchron ausgezeichnet worden. 2008 erhielt er denselben Preis für die „Herausragende Synchronregie“ bei dem Film „Die History Boys – Fürs Leben lernen“ von Nicholas Hytner. Hätte es diesen Preis bereits vor der ersten Auslobung im Jahr 2000 gegeben (mittlerweile ist er schon wieder eingestellt), Heinz Freitag hätte ihn schon mehrfach verdient gehabt.

Besonders bei den Robert-Altman-Filmen wie „Nashville“ oder „Der Gesundheits-Kongress“ musste er bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren alle Register seines Könnens ziehen, um Altmans akribische Arbeit mit bis zu 24 Tonspuren für Dialoge, Atmo und Musik adäquat ins Deutsche zu übertragen. Weitere Höhepunkte seiner Arbeit waren David Lynchs Filme „Der Elefantenmensch“ und „Twin Peaks – Der Film“, die Arbeiten von Henry Jaglom, Zhang Yimou (u.a. „Das rote Kornfeld“) und Chen Kaige sowie „Moloch“ von Sokurov. Mit István Szabó und dem Berliner Produzenten Manfred Durniok verband ihn seit der Arbeit an „Mephisto“ eine lebenslange Freundschaft, die zur Synchronisation aller Szabó-Filme führte.

Diese Auswahl macht schon deutlich, dass sein Herz für den Arthouse-Film schlug. Mit solchen schweren, dramatischen Stoffen hatten wir es meistens auch gemeinsam zu tun, zum Beispiel bei „Wie ich das Ende der Welt erlebte“ (Regie: Cătălin Mitulescu), „Borderline – Kikis Story“ (Regie: Lyne Charlebois) und zuletzt „Die rote Spinne“ (Regie: Marcin Koszalka). Mehrmals bat er mich augenzwinkernd, doch mal mit einer Komödie zu kommen. Auch im Serienbereich – „Die Munsters“, „Hart aber herzlich“, „Girlfriends“, „Grimm“ – ging es ihm bei allem Zeitdruck zuerst um die Qualität. Immer wieder war es beeindruckend, wie instinktsicher er die passenden Sprecher fand, die prägnanten Formulierungen und das nötige Timing für alles.

Er verstand es, bei aller Akribie und Konzentration bei der Arbeit, charmant und respektvoll mit den Sprechern und Mitarbeitern umzugehen, immer mit dem Schalk im Nacken. Man merkte ihm die sieben Jahrzehnte, die er mit sich trug, zumindest bei der Arbeit nie an. Noch im letzten Jahr, als seine Gesundheit ihm schon zu schaffen machte, sorgte er mit der ihm eigenen Willensstärke für die Synchronisation von Filmen wie „The Square“ und „Loving Vincent“. Unter den Sprechern und Sprecherinnen hatte er zweifellos seine Lieblinge, die er immer wieder gerne mit Rollen unterstützte und über deren Arbeit er aufrichtig in Begeisterung geraten konnte (auch wenn diese nicht anwesend waren!). Aber er kannte sich ebenso gut im Nachwuchsbereich aus und hatte durch seine ruhige, besonnene Art und seine dunkle, sanfte Stimme einen wunderbaren Zugang zu ganz kleinen und jugendlichen Talenten.

Doch persönliche Erinnerungen speisen sich oft aus den kleinen Nebensächlichkeiten jenseits der Arbeit. Auch bei Heinz Freitag ist das so. Das sind für mich die Dinkel-Croissants, die er mir einmal spontan für eine Heimreise mit auf den Weg gab; der geniale Tipp, Ingwer-Scheibchen gegen Erkältungen unter die Zunge zu legen; und sein Erstaunen, dass ich als Nicht-Berliner „Hertha“-Fan sein könnte. Da waren die Gespräche über unsere Töchter, unsere Hoffnungen in Bezug auf sie. Und die beiläufigen, aber ernsthaften Diskussionen über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, die erdrückende Herrschaft des Ökonomischen (auch in seiner Branche), in denen sein unbestechlicher Gerechtigkeitssinn zum Ausdruck kam. Wenn ich an alles das denke, bleibt Heinz Freitag ebenso lebendig wie in „seinen“ Filmen. Nach kurzer, schwerer Krankheit ist er am 13. März 2018 im Alter von 76 Jahren in seiner Geburts- und Heimatstadt Berlin verstorben.

Foto: ©Jie Zhao-Freitag

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