Ruth Beckermann

Diskussion

Bei der „Berlinale“ 2018 gehörte „Waldheims Walzer“, der jüngste Film der Dokumentaristin Ruth Beckermann, zu den Höhepunkten der diesjährigen „Forum“-Sektion. Der Film, der noch keinen deutschen Kino-Starttermin hat, rollt eine politische Affäre auf, die in den 1980er-Jahren Beckermanns Heimat Österreich erschütterte: den Skandal um die NS-Vergangenheit des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim, der 1986 für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidierte. „Die österreichische Filmemacherin hält nicht hinterm Berg, dass sie in jenen zeithistorischen Konflikt selbst stark involviert war“, schrieb Holger Römers im filmdienst-Blog anlässlich der Berlinale-Premiere.

Eine starke persönliche Involvierung und Anteilnahme: Sie prägt auch andere Dokumentarfilme Beckermanns, die im Laufe ihrer ca. vier Jahrzehnte umspannenden Karriere entstanden sind. Zum Beispiel „Die papierene Brücke“ aus dem Jahr 1987: Die 1952 geborene Filmemacherin zeigt in diesem im Stil eines Tagebuchs gestalteten Werk als „zweite Generation der Überlebenden“ das Schicksal ihrer jüdischen Eltern auf, besucht das vor 1945 rumänische Czernowitz, wo der Vater als Textilkaufmann tätig war, berichtet über Dreharbeiten einer US-Firma zu einem KZ-Film mit jüdischen Komparsen und gibt Eindrücke von Demonstrationen gegen die Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten wieder. Jüdische Identität, die NS-Vergangenheit und der Umgang damit tauchen als Themen immer wieder in ihrem Werk auf, bis hin zu „Die Geträumten“ (2016), einem Film über den Briefwechsel zwischen den Lyrikern Ingeborg Bachmann und Paul Celan aus den Jahren 1948 bis 1967. Und nicht nur in „Waldheims Walzer“ geht es um Politik, wobei Beckermann letztlich weniger an einzelnen Politikern Interesse hat als vielmehr am politischen Klima, an Mentalitäten.

Das Kino Arsenal in Berlin bietet vom 19. bis zum 29. April die Möglichkeit, sich mit dem spannenden Oeuvre der Regisseurin auseinanderzusetzen: Es zeigt die elf langen Dokumentarfilme der Filmemacherin; vom 19. bis zum 21. April ist Beckermann dabei zu Gast und steht für Gespräche über ihre Filme zur Verfügung.

Foto: ©Diagonale/Alexi Pelekanos

Mehr über Ruth Beckermann: www.ruthbeckermann.com

Mehr über die Werkschau im Kino Arsenal: www.arsenal-berlin.de


Heimkinotipp:

In Österreich ist eine umfangreiche „Ruth Beckermann Filmcollection“ erschienen. Sie umfasst u.a. Beckermanns Filme, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus bzw. der verdrängten Erinnerung daran auseinandersetzen: „Wien retour“, „Die papierene Brücke“ und„Jenseits des Krieges“. Außerdem auf der Box entgalten: „Nach Jerusalem“, „Ein flüchtiger Zug nach dem orient“, „Homemad(e)“,„Zorros Bar Mizwa“, „Arena besetzt“, „Auf amol a Streik“ und „Der Hammer steht auf der Wies’n da draussen“. Zu jedem Film führte Bert Rebhandl ein Interview mit der Regisseurin. Inkl. Einem umfangreichen Booklet.

Anbieter: Hoanzl



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