Schule der Anarchie

Ein Nachruf auf den Regisseur Milos Forman (18.2.1932-13.4.2018)

Diskussion

Er war ein Regisseur des Chaos, ein Filmemacher, der sich für die verrückten, absurden Seiten des Lebens interessiert hat. Und für die Kulissen, die glamourösen, bunten und glänzenden Oberflächen, mit denen die Abgründe des Daseins verhüllt werden.

Milos Forman, der jetzt im Alter von 86 Jahren in den USA gestorben ist, schien sich dabei aber nie zwischen Schein und Sein entscheiden zu wollen. Nicht selten hat er in seinen Filmen das Zelebrieren von Scheinwelten und die Liebe des Publikums zu ihnen in Szene gesetzt, ähnlich selbstverständlich, wie er hinter die Kulissen blickte, manchmal mit einem geradezu altmodisch moralischen Blick.


Menschen sind im Grunde lächerlich

Die Annahme, dass man die Dinge nicht zu ernst nehmen sollte und dass das Treiben der Menschen, je genauer man hinschaut, im Grunde eine lächerliche Angelegenheit ist, zählt zu den Konstanten seines Werks. Das hatte nie etwas mit Zynismus zu tun, viel aber mit Ironie und einer entspannten, auch toleranten Lebenslust.

Man ist geneigt, diese Lebenshaltung auf Formans Herkunft und seine Anfänge zurückzuführen. Der am 18. Februar 1932 im böhmischen Caslav geborene Tscheche wuchs in Todesangst auf. Bald nach der Besatzung wurden seine Eltern, Protestanten im Widerstand, von der Gestapo verhaftet und später in den deutschen Lagern ermordet. Der Sohn soll die Verhaftung persönlich miterlebt haben. Unter wechselnden Umständen lebte er fortan bei Verwandten und Freunden der Eltern, immer auf der Hut, weil sein Vater Jude war und ihm nach den NS-Gesetzen die Deportation drohte. In der Internatsschule Podebrady gehörten Vaclav Havel und Jerzy Skolimowski zu seinen Klassenkameraden. Das Interesse fürs Kino, vor allem fürs amerikanische, entwickelte sich früh. Ein Studium an der Filmhochschule FAMU in Prag stand für ihn früh fest. Forman wurde auch bald zum führenden Vertreter der „Neuen Welle“ in der CSSR. Filme wie „Der schwarzer Peter“ (1963) und „Die Liebe einer Blondine“ (1965) wurden auch international gefeiert. Nach dem Ende des Prager Frühlings und den Restriktionen gegen seinen Film „Der Feuerwehrball“ (1967) verließ er die CSSR; der vielleicht gar nicht so falsche Vorwurf gegen „Der Feuerwehrball“ lautet auf „Verhöhnung der Werktätigen“. In den USA kam Milos Forman gerade zur rechten Zeit, um noch Teil von „New Hollywood“ zu werden, jener Veränderungsbewegung, die des US-Filmschaffen nicht nur kreativ erneuerte, sondern auch kommerziell schlagkräftiger machte.

Debütfilm von Milos Forman: "Der schwarze Peter" (1963)
Debütfilm von Milos Forman: "Der schwarze Peter" (1963)

Ganz der „Neuen Welt“ verschrieben

Unter den osteuropäischen Emigranten der späten 1960er-Jahre war Forman der am wenigsten in Europa Verankerte. Wie Roman Polanski entpuppte er sich als ein Liebhaber Amerikas, seines Kinos, aber auch seiner Musik und Popkultur. Während Kollegen wie Andrzej Wajda, Jerzy Skolimowski und István Szabó zwischen den Blöcken pendelten oder wie Polanski nach Europa zurückkehrten, hat sich Forman ganz der „Neuen Welt“ verschrieben.

Die ungewöhnliche Finanzierung von „Der Feuerwehrball“ durch den italienischen Produzenten Carlo Ponti erzählt bereits einiges über Formans spätere Karriere. Forman war ein Mann zwischen den Lagern und Blöcken, einer der schneller als andere wusste, wie er sich im Dschungel der Filmindustrie bewegen musste, um seine Projekte zu finanzieren. Als er in Amerika ankam, war er kein Außenseiter, kein „armer Poet“, der erst bekannt werden musste; er gehörte vielmehr von Anfang an dazu und wollte dazugehören.

Stilecht checkte er im Chelsea Hotel ein. Die Beatles halfen ihm bei seinem US-Debüt „Taking Off“ (1970). So ging es weiter. Auf seinen Teil am Prestigeprojekt „München 1972 – 8 berühmte Regisseure sehen die Spiele der XX. Olympiade“ folgte mit „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1975) die Verfilmung eines Broadway-Hits, die zu einem der größten Erfolge des US-Kinos wurde und zu einem Aushängeschild von New Hollywood, mit dem Forman bei den „Oscars“ abräumte. Ein kluger Schachzug Formans bestand dabei darin, Kirk Douglas, der die Hauptrolle 12 Jahre zuvor auf der Bühne gespielt hatte, durch den vergleichsweise unbekannten, aber als schwierig verschrienen Jack Nicholson zu ersetzen. „Einer flog übers Kuckucksnest“ ist so sehr der Film von Jack Nicholson wie der von Forman. Und markiert für beide den Durchbruch. Wenn Forman überhaupt ein Rebell war, dann ein Rebell im Glück.

Durchbruch in Hollywood: "Einer flog übers Kuckucksnest" (1975)
Durchbruch in Hollywood: "Einer flog übers Kuckucksnest" (1975) mit Jack Nicholson

Viele „Oscars“ für die Nähe zum Publikum

Es folgten „Hair“ (1977), „Ragtime“ (1981) und im Jahre 1984 „Amadeus“, Formans allergrößter Coup, ein Welterfolg. New Hollywood war vorbei, und Forman endgültig im alten Hollywood angekommen, wo das Boxoffice, nicht die Filmkunst über den Wert eines Regisseurs entscheidet. Mit „Amadeus“ gewann Forman, der bereits mit „Einer flog übers Kuckucksnest“ Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ die Show gestohlen hatte, insgesamt acht „Oscars“.

Vergleicht man „Amadeus“ und „Barry Lyndon“, lässt sich leicht erkennen, warum Milos Forman dem Publikum immer näher stand als andere Autorenfilmer. Er entdeckte im vorrevolutionären 18. Jahrhundert die Popkultur und das Yuppietum der 1980er-Jahre, mithin die eigene Gegenwart, während Kubrick eine geschichtsphilosophische Vision präsentierte, die einerseits tatsächlich etwas über dıe thematisierte Epoche erzählt, aber zugleich über den Tellerrand hinaus weit in die Zukunft reicht.

„Ragtime“ (1981) ist vielleicht der interessanteste Film jener Periode: Nach dem Roman von E.L. Doctorow versetzt Forman das Kleist-Drama „Michael Kohlhaas“ in das Milieu der Schwarzen und der Gangs nach der Jahrhundertwende – eine scharfe, aber nie bittere Abrechnung mit Formans zweiter Heimat Amerika, die von der Kritik gefeiert, vom Publikum aber verschmäht wurde.

Kritik an der Popkultur der 1980er-Jahre: "Amadeus"
Kritik an der Popkultur der 1980er-Jahre: "Amadeus"


Camouflage, Täuschung, Maskeraden

Auch die allermeisten späteren Filme von Forman behandeln historische Stoffe. Sie mischen politische wie persönliche Subtexte, Gesellschaft wie Individualität, und sind insofern persönlich, als sie häufig das Showbusiness und die Medienwelt reflektieren. Sie übten Kritik am „American Way of Life“, wenngleich in einer gemäßigten Version. Zugleich haben die allermeisten Filme einen tragischen, zunehmend pessimistischen Zug. Formans Figuren sind höchst eigensinnig in ihrem Widerstand gegen die Gesellschaft; es ist allerdings ein komplett passiver, allein aus persönlicher Exzentrik gespeister Widerstand, gewitzt, aber vollkommen unengagiert und politisch provozierend inaktiv.

Jim Carrey als Komiker Andy Kaufmann in „Der Mondmann“ (1999) ist bestenfalls ein Naiver, Woody Harrelson in „Larry Flynt“ (1996) ein eitler, lächerlicher Provokateur, der Rechtsstaat und Aufklärung nur benutzt, aber nicht schätzt. Es passt gut, dass Forman jahrelang an einem Projekt über Howard Hughes gearbeitet hat. Formans Helden sind Asoziale in allen Nuancen dieses Begriffs; sie bringen als typische Figuren der 1970er-Jahre einen Teil des Publikums gegen sich auf, mit ihrer Entdeckung und der Feier des „Anderen“, von Wahnsinn, Krankheit und Verbrechen, die im Gefolge Foucaults den Trieb und die sexuelle Revolution ablösten. Diese Helden repräsentieren aber auch den Gemeinplatz vom Individuum als Wert an sich, das sich durchsetzen muss. Im Gegensatz zum klassischen Hollywood scheitern Formans Figuren jedoch durchgängig.

Formans Werk durchzieht ein Element von Camouflage, der Täuschung und Maskerade. Seine Figuren und deren Geschichten haben weitaus mehr Spuren hinterlassen als der Stil seiner Filme, den manche schon in den Jahren seiner größten Erfolge als „Effektkino“ abtaten, weil die Kritik zunehmend die Geduld mit Forman verlor.

Jim Carrey in "Der Mondmann" (1999)
Jim Carrey in "Der Mondmann" (1999)

„Ich zeige Individuen im Kampf gegen Institutionen“, sagte Milos Forman in einem Interview während des Filmfests München. „Das Seltsame daran aber ist, dass wir selbst die Institutionen schaffen, die unsere Freiheit beschneiden.“ Diese Feststellung ist wohl zeitlos gültig. Formans Filme funktionieren vielleicht nicht als Erziehung zur Rebellion, aber als Schule der Anarchie.

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