All I See Is You

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Am Anfang sieht man ein Liebespaar beim Sex; die Kamera ist nah an den Gesichtern. So liebevoll diese Szene wirkt, so befremdlich sind die seltsamen, zerfließenden Bilder, die in sie hineingeschnitten sind, rätselhafte Visionen von einem Tunnel, von Straßen, von einem Körper-Tableau, in dem die innige Umarmung des Paares zu einer Massenszene vervielfältigt wird. Dass es in Marc Forsters Drama um die Störung der Intimität und Vertrautheit zweier Liebender geht, umreißt schon dieser Anfang; und das Schwebend-Mysteriöse dieser Szene wird bis zum Ende nicht ganz aufgelöst.

Bei dem Paar handelt es sich um die blinde Gina (Blake Lively) und ihren Ehemann James (Jason Clarke). Die junge Frau ist nicht sehbehindert auf die Welt gekommen, sondern hat ihr Augenlicht bei einem schweren Unfall verloren, bei dem ihre Eltern ums Leben kamen. Mit James lebt sie in der thailändischen Metropole Bangkok, wo James arbeitet, und hat in ihm einen fürsorglichen Partner, der versucht, ihr das Leben mit der Sehbehinderung so leicht wie möglich zu machen. Dass ihre Blindheit und das Angewiesensein auf fremde Hilfe Gina nichtsdestotrotz belasten, lässt sich an den kleinen Spannungen erfühlen, die es zwischen dem Paar immer wieder gibt. Dann steht endlich der von Gina herbeigesehnte OP-Termin an, bei dem ein Spezialist wenigstens an einem ihrer Augen die Sehfähigkeit wieder herstellt. Der Eingriff ist erfolgreich – doch die Euphorie darüber weicht bald einer tiefen Verunsicherung: Mit dem Sehsinn eröffnet sich für Gina im wahrsten Wortsinn ein neuer Blick auf die Welt, auf ihr Zuhause, auf ihren Mann und sich selbst. Wodurch sie selbst und damit auch die Dynamik in der Ehe sich verändern.

Forster erzählt eine Geschichte, wie sie vor einiger Zeit in ähnlicher Form der Rumäne Calin Peter Netzer in „Ana, mon amour“ ausgebreitet hatte, in dem die Liebe eines jungen Mannes zu einer psychisch kranken jungen Frau nach deren Genesung auf den Prüfstand gerät. In beiden Filmen wird die größere Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, die die weibliche Protagonistin nach ihrer Genesung erlangt, zum Problem für einen Mann, der sein Selbstbild offensichtlich zu sehr daran gekoppelt hat, Schützer, Helfer und ein Stück weit auch Bevormunder seiner Frau zu sein. Forster geht es im Gegensatz zu Netzer jedoch weniger um die psychologische Durchleuchtung der Konstellation als um die Erkundung ihrer sinnlichen Seite, darum, ein Gefühl für die komplexe, sich verändernde psychische und sexuelle „Chemie“ eines Paares zu vermitteln.

Das schlägt sich nicht zuletzt in der Bildsprache nieder, die die unterschiedlichen Wahrnehmungs-Modi von Gina und James nachzuempfinden versucht – wobei es Kameramann Matthias Koenigswieser nicht zuletzt vortrefflich gelingt, Ginas Weg von der Blindheit zum zwar noch eingeschränkten, aber doch eine ganz neue Erlebniswelt öffnenden Sehen zu visualisieren. Er sehe „anders“ aus, als sie ihn sich vorgestellt habe, sagt Gina James kurz nach der OP. Die Kluft zwischen ihrer Welterfahrung als Blinde und der neuen als Sehende kann Gina mit Worten und auch mit den Versuchen, eine neue Form körperlicher Intimität zu finden, nicht überbrücken, und so wird sie zum sich stetig verbreiternden Riss zwischen den Liebenden, der beide einsam zurücklässt und James schließlich zu extremen Maßnahmen treibt, während sich Gina allmählich von ihm entfernt und anderen zuwendet.

Dabei bleibt die Regie immer auf Augenhöhe mit den Figuren, versucht nicht, die Geheimnisse des gewissen Etwas, das Mann und Frau emotional und körperlich aneinanderbindet oder voneinander abstößt, mehr zu rationalisieren, als die Figuren selbst dazu in der Lage sind. Daraus entsteht ein elegisches, visuell in den Bann schlagendes Liebesdrama, das in seiner ehrgeizigen Suche nach einem sinnlichen Ausdruck fürs psychische Erleben an Forsters „Stay“ erinnert.

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