Markus Imhoof

Montag, 23.04.2018

Ein Interview mit dem Schweizer Filmemacher über seinen jüngsten Film „Eldorado“

Diskussion

Der 1941 im schweizerischen Winterthur geborene Filmemacher befasst sich in seinen dokumentarischen Arbeiten seit den 1960er-Jahren immer wieder mit gesellschaftlich brisanten Themen. Sein jüngster Film „Eldorado“ schlägt eine Brücke zwischen den Zeiten. Er verknüpft Imhoofs biografische Erinnerungen an ein italienisches Mädchen, das seine Familie 1945 aufgenommen hatte, mit der Geschichte gegenwärtiger Flüchtlinge, die in Europa Schutz suchen.


Sie erzählen in „Eldorado“ zwei Geschichten. Einmal die des italienischen Mädchens Giovanna, das 1945 durch die Vermittlung des Schweizerischen Roten Kreuzes eine Weile in ihrer Familie lebte und so etwas wie ihre ältere Schwester, vor allem aber ihre erste große Liebe wurde, und dann jene der Flüchtlinge, die in den letzten Jahren aus Afrika nach Europa kamen. Wie fanden diese beiden Geschichten zusammen?

Markus Imhoof: Giovanna begleitet mich schon mein ganzes Leben. Sie ist in „Das Boot ist voll“ (1980) in der Widmung erwähnt und bereits dort der emotionale Kern der Geschichte. Ich hatte sie bei der Arbeit an „Eldorado“ in einem Schreiben an die Marine erwähnt, aber nie daran gedacht, sie in den Film hineinzunehmen. Bei einer Produktionsbesprechung wurde es dann aber derart emotional, dass ich beim Reden über Giovanna in Tränen ausbrach. Danach haben mich die Produzenten ermuntert, diese Geschichte in den Film einzubauen. Ich brauchte eine Weile, um das zuzulassen. Als ich kurz darauf im Nachlass meiner Eltern die Briefe von damals fand, begann Giovannas Geschichte in die andere hineinzuwachsen. Ganz zuletzt, wir waren bereits in der Montage, haben wir die Szene gedreht, mit welcher der Film beginnt: Ich suche und finde Dinge, die an Giovanna erinnern, Fotos, Briefe. Die Kinderzeichnungen hatte ich immer bei mir behalten.

Briefe und Fotos von Giovanna
Briefe und Fotos von Markus Imhoof und Giovanna

Sie haben vom November 2014 bis im Mai 2016 gedreht und vom November 2015 bis November 2017 geschnitten. Dazu kommen die Vorbereitungen. Das ist für einen Film mit aktueller Thematik eine lange Entstehungszeit. Wie kam es dazu?

Imhoof: Als wir anfingen, war die Flüchtlingsproblematik brandaktuell und es ging hektisch zu. Wir haben uns aber bald entschieden, auf Aktualität zu verzichten und das Thema grundsätzlicher darzustellen. Das hat uns viel Aufwand beschert: Wir mussten erst herausfiltern, was das Grundsätzliche überhaupt ist. Wir haben vieles gedreht, was jetzt nicht im Film ist, aus dem aber vielleicht ein zweiter Film entsteht. Während „Eldorado“ auf die illegale Reise von Afrika über Italien in die Schweiz fokussiert, handelt der andere Teil als Gegenentwurf von den wenigen legalen Wegen, der Lösung für die „most vulnerable“: Die UNO-Flüchtlingshilfe UNHCR hat die Möglichkeit, von den rund 1,2 Millionen Flüchtlingen, die im Libanon gestrandet sind, 9000 in verschiedenen Ländern unterzubringen. Wir haben diese Auswahl beobachtet und zwei Familien durch die Vorbereitungszeit und während ihrer Auswanderung nach Europa begleitet: eine Zahnarztfamilie mit drei Kindern und eine

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