Serie: Grace & Frankie

Jane Fonda und Lily Tomlin in einer herrlichen Comedy-Serie um einen Lebens-"Reboot" im Alter

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Die erste Folge der Serie „Grace and Frankie“ ist ironischerweise mit „The End“ betitelt. Jenes „Ende“ ist allerdings der Beginn neu zusammengewürfelter Figurenkonstellationen. Diese sind, wenn man Alter und Geschlecht der Protagonisten berücksichtigt, fast revolutionär: Die Freunde Sol Bergstein (Sam Waterston) und Robert Hanson (Martin Sheen), die zusammen eine Anwaltskanzlei betreiben, laden ihre Gattinnen, mit denen sie seit vier Jahrzehnten zusammenleben, in ein Restaurant ein. In Erwartung, dass ihre Männer nun den Ruhestand ankündigen, raufen sich Grace Hanson (Jane Fonda) und Frankie Bergstein (Lily Tomlin), die sich gegenseitig nicht ausstehen können, zusammen. Doch die 70-jährigen Herren haben etwas ganz anderes im Sinn: Sie verkünden, dass sie homosexuell sind, sich seit 20 Jahren lieben und nun endlich ihr Verhältnis legalisieren wollen, inklusive Scheidung und anschließender Hochzeit.

Für die Frauen bricht eine Welt zusammen. Sie müssen nicht nur ihr bisheriges Leben in Frage stellen, sondern sich auch für die Zukunft völlig neu ausrichten. Das wird für alle Beteiligten, zu denen auch vier erwachsene Kinder gehören, ein echtes Abenteuer, was die gut inszenierte, klug geschriebene und hervorragend besetzte Serie lustvoll entfaltet.

Vor fast vier Jahrzehnten standen die Grandes Dames des politischen Aktivismus schon einmal vor der Kamera. In „Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?“ (fd 22 900) von Colin Higgins spielten Jane Fonda und Lily Tomlin, die Zeit ihres Lebens für Frauen- und queere Rechte eingetreten sind, an der Seite von Dolly Parton in einer schwungvollen Komödie mit emanzipatorischen Anklängen. Was damals der Kampf der arbeitenden Frau gegen patriarchalische Machtstrukturen war, ist in „Grace and Frankie“ einer aktiven Daseinsberechtigung und der sexuellen Emanzipation von 70-Jährigen gewichen. Das gilt nicht nur für das homosexuelle „Coming Out“ der Männer, sondern auch für die unkomplizierte Einbeziehung des Themas Masturbation im Alter.

Die Handlung wirkt erst konventionell. Es gibt ein einschneidendes Ereignis, mit dem alle Figuren umgehen müssen und sich dadurch auf irgendeine Weise weiterentwickeln. Dabei müssen Hürden bewältigen werden, von Altersschwächen bis zu zwischenmenschlichen Aspekten, für die das Alter keine Rolle spielt.

Die Personen sind auf der einen Seite Frankie, eine hippieske Kunstlehrerin, bei der Herzlichkeit, unverblümte Ehrlichkeit und eine konsequente „political correctness“ zusammengehen. Auf der anderen Seite Grace, die Gründerin und ehemalige Inhaberin einer Kosmetikfirma, die nun von ihrer Tochter Brianna (June Diane Raphael) geführt wird. Sie wirkt auf den ersten Blick steif, eine Alkoholikerin, die äußerst auf ihre Wirkung bedacht ist. Die beiden Ex-Ehemänner leben ihre längst entdeckte, aber nun neu zu erfahrende Homosexualität aus. Generationsbedingte, an der Ehe orientierte Rollenvorstellungen treffen auf tendenziell offenere Beziehungsformen und neue Zweisamkeits-Modelle in Sol und Roberts queerem Freundeskreis. Die lange unterdrückte schwule Identität wird in der Liebe zu Musicals des queeren Community-Theaters, aber auch in Demonstrationen für Gleichberechtigung ausgedrückt. Alle vier Protagonisten sind klug, interessant und mit viel Liebe zum Detail erdacht und werden glänzend interpretiert. Auch kleinste Nebenrollen sind unter anderem mit Talia Shire, Rita Moreno, Ernie Hudson, Peter Gallagher oder Amy Madigan prominent besetzt.

In der vierten Staffel, die seit Mitte Januar 2018 auf Netflix verfügbar ist, haben sich die neuen Paarkonstellationen eingelebt und zurechtgefunden, doch die Figuren kämpfen weiterhin an diversen Fronten. Die großen Themen der vierten Staffel sind Fremd- und Selbstwahrnehmung, die sich längst nicht immer decken. Für die Kinder Brianna und Mallory Hanson (Brooklyn Decker) sowie Nwabudike „Bud“ (Baron Vaughn) und Coyote Bergstein (Ethan Embry) geht es hauptsächlich um ihre eigenen Probleme: diese kämpft in der Ehe, jener mit Nachwuchs, die eine mit dem Druck in der Arbeit, der andere mit einem 12-Stufen-Programm. Die Außensicht des Nachwuchses auf die Vergesslichkeiten oder Krankheiten der Eltern steht deren Innensicht oft diametral entgegen.

Während als Titelsong der „Stealers Wheel“-Klassiker „Stuck in the Middle with You“ jede der etwa 30-minütigen Folgen eröffnet und im Bild die vier Figuren von der auseinanderbrechenden Hochzeitstorte fallen, zeigt die Serie auf unprätentiöse Weise eben gerade nicht den Zusammenbruch, sondern die Etablierung neuer Lebensmodelle. Die Serienschöpfer Marta Kauffman und Howard J. Morris haben eine Serie entwickelt, in der über 70-Jährige ganz einfach ihr Leben leben, auch wenn es nicht wie geplant läuft, und die auch noch längst nicht zu alt dafür sind, Neues zu entdecken. Ohne Bevormundung oder Entmündigung, sondern freibestimmt mit Freunden, Partnern und Familie. Klingt gar nicht so schwer. Ist es aber. Das wird mit viel Humor gezeigt.


Die Serie ist seit 2015 bei Netflix zu sehen. Mittlerweile liegen vier Staffeln vor; Staffel 4 ist seit 19.1. verfügbar. Staffel 1 ist seit 29.11.2017 außerdem auch als DVD/BD erhältlich (Anbieter: Sony); und Staffel 2 ist am 25.1. ebenfalls auf DVD/BD erschienen.

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