Isabel Coixet

Ein Interview zum Kinostart von „Der Buchladen der Florence Green“

Diskussion

„Very british“ ist der Stoff, den die spanische Regisseurin in „Der Buchladen der Florence Green“ aufgreift: Penelope Fitzgeralds gleichnamiger Roman aus dem Jahr 1978 erzählt von einer Frau, die in einem fiktiven Küstenort in Englands Süden in den 1950er-Jahren mit dem Plan aneckt, eine Buchhandlung zu eröffnen. Ein Gespräch über Bibliophilie und das Ringen um die filmische Form dafür.


Der Titel Ihres neuen Films führt den „Buchladen“ bereits in sich. Wie wichtig sind heute noch Büchereien und Buchläden?

Isabel Coixet: Einer meiner großen Träume, den ich schon als Kind hatte (und immer noch habe), ist es, einen Buchladen zu besitzen. Ich wuchs umgeben von Büchern auf. Mir tun auch Menschen leid, die nicht gern lesen, und die nie die Faszination und Spannung von Ray Bradbury, Vladimir Nabokov oder Stendhal entdeckt haben. Für mich ist das ein Privileg. Und wenn man es verliert, ist das sehr traurig.


Das ist vergleichbar damit, dass es in jedem Ort zumindest ein Kino geben sollte.

Coixet: Ja, da stimme ich Ihnen zu.


Hatten Ihre Eltern so viele Bücher?

Coixet: Ja. Sie kauften viele Bücher und nahmen mich immer mit in die Buchläden, ins Kino übrigens auch. Dabei komme ich aus der Arbeiterklasse in Barcelona. Trotzdem haben meine Eltern immer gern gelesen und Filme geschaut. Das war der einzige Luxus, den sie hatten.


Wie haben Sie dann das Buch von Penelope Fitzgerald entdeckt und was hat Sie daran fasziniert?

Coixet: Ich habe mich auf Anhieb in die Hauptfigur verliebt, und die Geschichte gefällt mir sehr, ihre Einfachheit, aber auch die vielen Bedeutungsebenen, die darunter liegen. Für mich ist Florence Green eine kleine Heldin. Sie ist bescheiden und arglos. Sie denkt nie schlecht über andere und darum bemerkt sie nicht, was da auf sie zukommt. Sie weiß nicht um die Gefahren, wenn man zu einem machtvollen Menschen „Nein!“ sagt. Aber es ist gerade diese Unschuld, die sie antreibt und weitermachen lässt. Ich mag diesen Charakter wirklich sehr, und ich habe mich noch nie, bei all meinen Filmen, einer Figur so nahe gefühlt.


Wären Sie gerne so wie sie?

Coixet: Nein, nein. Vielleicht bin ich schon so wie sie. Wenn ich eine Frau in jener Zeit in diesem Dorf gewesen wäre, wäre mir das Gleiche widerfahren. Sie führt ein sehr einsames Leben, aber sie ist auch glücklich dabei. Sie ist zwar einsam, aber von Büchern umgeben. Das gefällt mir sehr.



"Der Buchladen der Florence Green" © Capelight/Lisbeth Salas
"Der Buchladen der Florence Green" © Capelight/Lisbeth Salas

Zu ihrer Unschuld zählt ja auch, dass sie gar nicht erkennt, dass der Verkauf moderner Bücher ein subversiver Akt ist.

Coixet: Genau. Sie erwartet zwar eine kleine Opposition, aber sie bekommt all diese Intrigen hinter ihrem Rücken nicht mit. Für mich liegt die Schwierigkeit darin, dass wir eine vordergründige Handlung sehen, all die dunklen Manöver dahinter aber nicht sichtbar sind. Und Florence ignoriert, was wirklich passiert.


Das Schöne am Film ist, dass Florence eine Vorbildfunktion zukommt, obwohl sie am Schluss scheitert.

Coixet: Da stimme ich Ihnen zu. Es ist ein wichtiger Aspekt, der so im Buch nicht enthalten ist. Penelope Fitzgerald war eine hervorragende Schriftstellerin. Sie begann mit dem Schreiben, als sie bereits 60 war, weil sie drei Kinder und einen kranken Ehemann hatte. Sie hatte ein sehr, sehr hartes Leben. Und das spiegelt sich im Buch. Wenn Florence am Schluss den Ort verlässt, verabschiedet sich niemand von ihr. Niemand sagt Auf Wiedersehen, niemand hilft ihr. Und als ich den Roman las, dachte ich mir, dass da wenigstens ein Fünkchen Hoffnung sein müsste. Ich konnte diesen Gedanken der vergeblichen Anstrengung nicht ertragen. Und ich bat die Familie von Penelope Fitzgerald, ob ich das so in den Film einbringen dürfe. Denn in einem Film macht das Sinn. Grundsätzlich bleibe ich dem Kern der Vorlage treu, und trotzdem ist der Film etwas Anderes, etwas Eigenständiges.


Was haben Sie noch geändert?

Coixet: Ich habe mehrere Dinge verändert. Ich fügte einige Autoren hinzu, die nicht im Buch vorkommen. Ray Bradbury wird zum Beispiel nicht erwähnt. Ich entdeckte Bradbury, als ich ein Teenager war. Als ich 13 war, las ich „Fahrenheit 451“ und habe es geliebt. Ich habe es dann jedem geliehen, um meine Entdeckung zu teilen. Ich liebe auch die Filmadaption von Truffaut mit Julie Christie als weiblicher Hauptdarstellerin, und Julie Christie ist die Erzählerin in diesem Film.


Philip Larkin, der bedeutende englische Lyriker, kommt auch vor…

Coixet: Ich mag ihn sehr, auch wenn ich sehr gemischte Gefühle über seine Gedichte habe. Und ich liebe Kingsley Amis, einen sehr interessanten Autor, heute völlig vergessen. Ich mag diesen bittersüßen Zugang, mehr bitter als süß, mit dem Kingsley Amis schreibt. Und ich liebe natürlich Nabokov. Nabokov war wegen „Lolita“ ein Schlüsselautor jener Zeit, der natürlich in Buch und Film vorkommen muss. „Lolita“ war darüber hinaus das erste Buch, das ich auf Englisch gelesen habe. Ich erinnere mich noch daran, wie ich es gemeinsam mit einem Wörterbuch durchgearbeitet habe, damit ich auch alles verstehen konnte. Ich habe aus diesem Buch viel gelernt. Ich war auch sehr beeindruckt, dass Nabokov später in seinem Leben auf Englisch geschrieben hat. Die Grazie, mit der er in dieser Sprache schreibt, ist schon erstaunlich.


Aber was bedeuten Bücher in dieser Umgebung, in der der Film spielt? Künden sie einen Wechsel an oder bedeuten sie mit den Ideen, die sie transportieren, eine Gefahr für die Menschen, die dort leben?

Coixet: Bücher können Menschen wirklich beeinflussen und verändern, und Florence hat zu wenig darüber nachgedacht. Das ist natürlich ein Widerspruch, weil sie von Büchern umgeben ist. Für sie sind Bücher Freunde. Dass sie auch eine Bedrohung sein könnten, kommt ihr gar nicht in den Sinn. Und mit „Lolita“ begann eine große Kontroverse, die damals in fast allen Tageszeitungen und Zeitschriften geführt wurde. Das Buch war zwei Jahre lang verboten und brauchte danach eine gewisse Zeit, um sich auf dem britischen Markt durchzusetzen. Es wurde noch nicht einmal in Großbritannien gedruckt, sondern in Frankreich.


"Der Buchladen der Florence Green" © Capelight/Lisbeth Salas
"Der Buchladen der Florence Green" © Capelight/Lisbeth Salas

Wie wichtig sind Ort und Zeit des Films, die englische Provinz in den 1950er-Jahren, für den Hintergrund der Geschichte?

Coixet: Ich muss gestehen, dass mich diese Zeit fasziniert, weil es um die direkte Nachkriegszeit geht, die sich von der in Spanien natürlich unterscheidet. Die Menschen hatten damals dieses Bedürfnis nach Ruhe, nach Beständigkeit. Ich habe mich da an den Filmen von Alexander Mackendrick und Michael Powell aus dieser Zeit orientiert. Ich liebe auch die Farben im Kino der 1950er, vor allem natürlich „Die schwarze Narzisse“, und ich habe versucht, sie in meinen Film zu übertragen.


Mir gefiel der Kontrast sehr zwischen diesem idealen Ort mit der schönen Landschaft und den freundlichen Nachbarn und dann diese böse Intrige, die fast einem Horror gleichkommt. Wie haben Sie das konzipiert?

Coixet: Diese eigenartige, stille Konspiration kreist Florence von Beginn an ein. Sie leidet nicht – bis ihr die Intrige ins Gesicht springt. Die Konspiration fängt damit an, dass sie in einem knallroten Kleid auf diesen Empfang geht und ihr niemand davon abrät, im Gegenteil: „Das rote Kleid ist schön, niemand wird sich daran stören“, sagt die Schneiderin. „Sie sind niemand, und darum werden Sie keine Aufmerksamkeit erregen.“ Dinge etwas abweichend zu tun, und sei es nur ein bisschen, kann schon ein Fehler sein, wenn die anderen nicht wollen, dass man die Dinge anders tut. Bis es dann zu spät ist. Das hat gar nicht unbedingt mit der Zeit, den 1950er-Jahren, zu tun. Menschen erleiden viel, weil überall Druck ausgeübt wird, zum Beispiel in der Schule, wenn alle sich für Fußball interessieren, man selbst aber nicht. Ich habe mit Fußball nichts am Hut, auch nicht mit Barca. Und irgendwann wirft dann jemand den ersten Stein. „Wie kommst du auf die Idee, Fußball nicht zu mögen oder Barca nicht zu mögen?“ Es gibt aber auch Menschen, die nicht zu einer größeren Gruppe dazugehören wollen. Viele Menschen machen das sicher durch, und die interessanten Menschen ganz bestimmt.


Könnten Sie noch ein wenig über das Casting erzählen?

Coixet: Es ist bereits der dritte Film, den ich zusammen mit Patricia Clarkson gedreht habe. Patricia war diejenige, die Emily Mortimer das Drehbuch gegeben hat, weil ich sie darum gebeten hatte. Patricia hat mit Emilys Ehemann Alessandro Nivola am Theater zusammengearbeitet, in „The Elephant Man“. Und dann bat ich sie, die Violet zu spielen, weil ich wusste, dass sie in dieser Rolle eine Wucht sein würde. Sie ist einfach faszinierend. Emily Mortimer hingegen habe ich immer gemocht, jedes Mal, wenn ich sie in einem Film sehe. Sie hat eine Grazie, die ich sehr verehre. Sie weiß überhaupt nicht, wie schön sie ist. Sie ist auch privat eine faszinierende Persönlichkeit. Und als sie das Script gelesen hatte, sagte sie sofort zu, und das hat mich sehr gefreut. Bill Nighy ist groß. Bill ist eine Naturgewalt. Er ist der netteste Mensch, den ich jemals getroffen habe.


"Der Buchladen der Florence Green" © Capelight/Aidan Monaghan
"Der Buchladen der Florence Green" © Capelight/Aidan Monaghan

Sie haben bei einigen Ihrer Film als „Camera Operator“ gearbeitet. Auch bei diesem?

Coixet: Bei all meinen Filmen.


Bei all Ihren Filmen? Sie wollen also stets die Kontrolle über das Bild und die Quadrage behalten?

Coixet: Es hat gar nicht so sehr mit Kontrolle zu tun. Ich liebe es einfach, an der Kamera zu arbeiten. Für mich ist es einfach Teil der Arbeit des Regisseurs, den richtigen Bildausschnitt zu finden. Man verschwendet so viel Energie darauf, zu erklären, was man will. Dann kann ich es auch gleich selber machen. Es macht aber auch sehr viel Spaß – auch wenn mein Rücken mich umbringt, weil ich mich stets vorbeugen muss. Es ist ein Vergnügen, zumal ich auf diese Weise sehr nah bei den Schauspielern bin. Auf dem Monitor sehe ich kaum etwas. Ich werde alt und muss sowieso eine Brille tragen. Für mich ist es einfacher, durch die Kamera zu schauen, und ich habe diesen Beruf jetzt richtig gelernt. Vielleicht kann mich ein anderer Regisseur jetzt engagieren. (lacht)


Was ist Ihr nächstes Projekt?

Coixet: Ich werde einen Film über zwei Frauen machen, die im nordspanischen Galicien des Jahres 1901 heiraten. Eine hat sich als Mann verkleidet, damit die Hochzeit über die Bühne gehen konnte. Trotzdem wird die Charade entdeckt, die Frauen kommen ins Gefängnis und werden gefoltert. Eine wahre Geschichte. Ich kenne sie, weil es darüber eine wissenschaftliche Gender-Arbeit gibt, in der zeitgenössische Zeugen über den Fall berichten. Die Geschichte hat mich sehr inspiriert, und jetzt ist das Drehbuch fertig.


Fotos: Lisbeth Salas/AIdan Monaghan/Alberto Gamazo

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