Die Heimat der Büchermenschen

Über die unerschöpfliche Liebe des Films zum Medium des Buches

Diskussion

Aus Anlass des Kinostarts von „Der Buchladen der Florence Green“ (hier die FILMDIENST-Kritik): Eine Betrachtung zur Bibliophilie des Kinos. Filme schätzen das ältere Medium nicht nur als unerschöpfliche Stoff-Quelle, sondern feiern es auch immer wieder als Hort geistiger Freiheit. Ganz im Gegensatz zum Internet, das in Filmen oft als Gefahrenzone gezeichnet wird.


Kaum etwas kann die Glückseligkeit toppen, die entsteht, wenn man sich mit Haut und Haar, mit Hirn und Herz einem guten Buch hingibt. Und zwar möglichst der analogen Version, über deren Seiten man streichen, in der man hin- und herblättern, interessante Stellen einknicken und die man zwischen die anderen Bücher ins Regal schieben kann, wenn man sie ausgelesen hat. Das schafft ansonsten höchstens noch: Ein guter Film.Und dann gibt es die Werke, die beides verbinden: Die Liebe zum Buch und die Liebe zum Film. Filme, die dem Medium Buch huldigen. Filme über Bücher gibt es unzählige – über magische, gefährliche, fantastische, romantische, erotische Bücher, mit Buchhandlungen, Bibliotheken,Archiven, Schulen und Universitäten als Schauplätzen, mit Schriftstellern, Gelehrten, Buchhändlern und Archivaren als Protagonisten.

Tatsächlich verbindet Buch und Film ja so einiges: Beide sind Portale in neue, fremde Welten, beide tragen großes identifikatorisches Potenzial in sich. Doch der Faktor Zeit unterscheidet die Medien deutlich – das Buch hat diesen schier unbegrenzt zur Verfügung, während der Film viel stärker verdichten muss. Und die Intimität des Erlebnisses: So schreibt und liest sich ein Buch in den meisten Fällen alleine, wohingegen Filme in Team-Arbeit entstehen und idealerweise (jedenfalls an einem so altmodischen Ort wie dem Kinosaal) gemeinsam mit anderen Menschen angesehen werden.


Bücher als Heilmittel gegen die Einsamkeit: Bill Nighy in "Der Buchladen der Florence Green"
Bücher als Heilmittel gegen die Einsamkeit: Bill Nighy in "Der Buchladen der Florence Green"

Die besten Buchfilme beruhend meist auf Büchern

Geht man nun der Frage nach, welche Filme das Buch wirklich in ihr erzählerisches Zentrum rücken und es gewissermaßen in seiner Essenz, als Kultgegenstand von Aufklärung und freiem Denken betrachten, reduziert sich das breite Angebot auf eine Handvoll Werke. Zu diesen gehören zweifellos „Der Club der toten Dichter“ von Peter Weir aus dem Jahr 1989, François Truffauts „Fahrenheit 451“ von 1966, Jean-Jacques Annauds „Der Name der Rose“ von 1986 oder Wolfgang Petersens „Die unendliche Geschichte“ von 1984.

Dass die drei letztgenannten Filme ihrerseits Literaturverfilmungen sind, ist natürlich kein Zufall – klar, dass man der Horizont erweiternden Kraft des Buches zunächst am liebsten im ureigenen Medium ein Denkmal setzt, wie dies eben Ray Bradbury, Umberto Eco und Michael Ende getan haben. Wenn der Stoff dann später auch noch filmisch adaptiert wird, hat man wohl alles richtig gemacht. „Der Club der toten Dichter“ mit seinem Originaldrehbuch von Tom Schulman ist diesbezüglich jedenfalls eine echte Ausnahme.

Auch „Der Buchladen der Florence Green“, der neue Film der katalanischen Regisseurin Isabel Coixet, der in diesen Tagen in den deutschen Kinos anläuft, beruht auf einem Roman, und zwar einem ganz wunderbaren: „Die Buchhandlung“ von Penelope Fitzgerald, erschienen bereits 1978. Leider aber gerinnt die Story um eine Witwe in mittleren Jahren, die in einem verschlafenen englischen Küstenstädtchen der 1950er-Jahre eine Buchhandlung eröffnet und damit den Großteil des Dorfes, vor allem aber die Gesellschaftsgröße Violet Gamart gegen sich aufbringt, in ihrer filmischen Version zu einer erstaunlich geistlosen Angelegenheit. Auch dieser Film beschwört die Liebe zur Literatur und die Büchern innewohnende freidenkerische Kraft, bleibt darin aber seltsam hölzern und blutleer.

Wenn die Titelfigur mit ihrer Hand über ein Buch streicht oder – der Klassiker! – schwelgerisch an den Seiten eines frisch gedruckten Buchs schnuppert, dann entstehen daraus zwar schöne Bilder (ebenso schön wie die wunderhübsch gestalteten Buchtitel, die hier ins Bild gesetzt werden) aber eben auch nicht mehr. Der Film feiert die Oberfläche, im wahren Sinne des Wortes: So werden hier immer wieder Bücherpakete liebevoll ein- und vom Adressaten später ebenso liebevoll wieder ausgepackt. Jedoch das Feuer, die Leidenschaft, die neuen Gedanken und Perspektivwechsel, die Bücher kraft ihres Inhalts beim Leser entfachen können – das alles bleibt pure Behauptung. Die Konzepte stehen sich seltsam monolithisch gegenüber: Eine wirkliche Auseinandersetzung zwischen Konvention und Moderne, zwischen der rückständigen oder im Fall von Violet blasierten Leseferne der Dorfbewohner auf der einen und Florence und ihrem wichtigsten Kunden Mister Brundish auf der anderen Seite findet schlicht nicht statt.

Begeisterung für das Lesen: Robin Williams in "Der Club der toten Dichter"
Begeisterung für das Lesen: Robin Williams in "Der Club der toten Dichter"

Wider Entfremdung und Verdummung

Analog dazu vermittelt sich auch die vermeintliche Begeisterung Mister Brundishs etwa über Ray Bradburys dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ nicht, der als zentrale Referenz in Sachen aufklärerisches Potenzial von Büchern gilt und deshalb natürlich auch in „Florence Green“ nicht fehlen darf. „Fahrenheit“ spielt in einem Staat, in dem der Besitz und das Lesen von Büchern ein schweres Verbrechen sind, da dies zu selbstständigem Denken und damit, so die Logik des Regimes, zu nicht regelkonformem, unsozialem Handeln führe. Die Feuerwehr ist hier deshalb nicht fürs Löschen, sondern für das Aufspüren und Verbrennen von Büchern zuständig. Dem Feuerwehrmann Montag (Oskar Werner) kommen durch die Begegnung mit Bücherbegeisterten zunehmend Zweifel an seinem Tun und er beginnt, heimlich zu lesen. Als ihn schließlich seine eigene Frau denunziert, flieht er in die Wälder, zu den „Büchermenschen“: Menschen, die sich etwa mit „Ich bin Jane Austens ‘Stolz und Vorurteil’“ vorstellen, da sie es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein literarisches Werk zu retten – indem sie es komplett auswendig lernen. Die Büchermenschen sind demnach die ultimative Verkörperung der menschlichen Liebe zur Literatur.

Gegenstück dazu ist – da zeichnen Buch und Kinoadaption sozusagen ein gemeinsames Feindbild – das Fernsehen, das vom Regime bewusst als Suchtmittel eingesetzt wird, um die Bürger unmündig zu halten. So ist Montags Frau völlig abhängig von den dümmlichen TV-Sendungen, die Nähe suggerieren, jedoch die konkrete Entfremdung zwischen den Menschen vorantreiben – Mildred beziehungsweise Linda, wie sie im Film heißt, büßt dadurch eigenes Denken, ihre Individualität und in der Konsequenz auch die Nähe zu ihrem Mann ein.

Dieser traurige Zustand dürfte in etwa dem so genannten „Nichts“ entsprechen, das in „Die unendliche Geschichte“ das Land Phantásien Stück für Stück zerstört: Das „Nichts“ wird beschrieben als die Leere und Verzweiflung, die zurückbleiben, wenn die Menschen ihre Träume vergessen und ihre Hoffnungen verlieren; die Welt der menschlichen Fantasie ist damit in ernster Gefahr. Hier wird der Gedanke des Buches, das Horizonte erweitert und Selbsterkenntnis schafft, explizit ins Bild eines Portals in eine fremde Welt übersetzt. Das magische Buch, das der Junge Bastian in der Rahmenhandlung des Films liest, führt ihn immer tiefer hinein in die Geschichte um den Kämpfer Atréju und die Kindliche Kaiserin, bis es ihn schließlich selbst zum Protagonisten der „Erzählung in der Erzählung“ macht. Bücher, Lesen und die Fantasie sind in der „Unendlichen Geschichte“ essenziell fürs Überleben, in der Rahmen- wie der Binnenhandlung.

Die letzte Bastion der Lesenden: "Fahrenheit 451"
Die letzte Bastion der Lesenden: "Fahrenheit 451"

Lebensverändernde Lektüren

Ganz anders das mittelalterliche Kloster aus „Der Name der Rose“ in Umberto Ecos Roman und Jean-Jacques Annauds Verfilmung (1986), in dem (ähnlich dem Regime in „Fahrenheit“) durch Bücher erworbenes Wissen und Selbstbewusstsein so manchem Bruder als destabilisierende Faktoren fürs fromme Zusammenleben gelten. Der alte Benediktinermönch Jorge fürchtet besonders den Humor. Denn: „Lachen nimmt den Menschen die Furcht!“, die aber sei wesentlich für ein gläubiges Leben in Demut. Weshalb er die Seiten der Poetik des Aristoteles mit Gift bestreicht und so sprichwörtlich ein Buch schafft, das tötet.

Sein Gegenspieler ist der von aufklärerischem Geist erfüllte Franziskanermönch William von Baskerville: Die wohl schönste Szene des Films ist jene, in welcher er die „verbotene“ Bibliothek seiner Gastgeber aufspürt und sich in ansteckendem Freudentaumel von den riesigen Folianten mit all ihren in monatelanger Kleinstarbeit von Hand kopierten Schriften und den wunderschönen oder auch provokanten Illustrationen darin begeistern lässt, diese liebevoll streichelt, selig durchblättert – eine Szene, die die spezielle Haptik von Büchern wunderbar nachvollziehen lässt.

Es läuft also, wie so oft im menschlichen Miteinander, auf den Gegensatz zwischen (vermeintlicher) Sicherheit auf der einen und Freiheit auf der anderen Seite hinaus, zwischen Beharrungsvermögen und Offenheit, zwischen Tradition und Moderne. Auch in Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“ (1989) grundiert dieser Kontrast die Story: John Keating, der neue Englischdozent am traditionsreichen, gestrengen Elite-Internat der 1950er-Jahre, bringt den Jungs auf unkonventionelle Weise Fantasie und Poesie nahe und lehrt sie mithilfe der Literatur, sich auf ihre Individualität zu besinnen und frei zu denken. „Carpe diem!“, also: Genieße den Tag!, ist sein wichtigster Lehrsatz. Der (gut gealterte) Film vermittelt auf ebenso überzeugende wie packende Weise, dass literarische Klassiker zusammen mit einem charismatischen Vorbild tatsächlich eine starke, lebensverändernde Wirkung auf ihre jugendlichen Leser ausüben können.

Eine Utopie des Wissens im finsteren Mittelalter: Sean Connery in "Der Name der Rose"
Eine Utopie des Wissens im finsteren Mittelalter: Sean Connery in "Der Name der Rose"

Selige analoge Vergangenheit vs. düstere virtuelle Zukunft?

Was freilich nur in einer abgeschiedenen und vor allem gänzlich internetlosen Welt wie der hier gezeichneten denkbar ist. Nicht umsonst flüchten die Filme, wenn es um die Liebe zum Buch geht, gerne in andere Zeiten und Welten: Während „Florence Green“ wie auch „Der Name der Rose“ in der Vergangenheit spielen, sich „Fahrenheit 451“ auf eine dystopische Zukunft und „Die unendliche Geschichte“ auf fantastische Welten ausrichten, steht ein zeitgeistiger, aktueller Film, der die Kraft der Literatur inmitten unserer vom Internet geprägten Welt verhandeln würde, noch aus.

Stattdessen wird im Kino eher das Internet selbst vermessen, mit gänzlich anderer Stoßrichtung: Diametral zur Literatur ist das Internet dabei meist ein düsterer, gefühlskalter, rechtsfreier Ort, der ganz und gar nicht für die Ideale der Aufklärung, sondern vielmehr für Entfremdung, Unterdrückung, Cybermobbing und anonyme Gefahr steht – darin ist es etwa der Rolle des Fernsehens in „Fahrenheit 451“ vergleichbar. In der Konsequenz sind die meisten Filme, die im oder mit dem Medium Internet spielen, Thriller, Dramen oder gar Horrorfilme, ob diese nun „23“, „Unfriend“, „Who am I“, „The Circle“ oder „#Zeitgeist“ heißen.

Filme hingegen, die das Internet analog zum Buch als Ort von Demokratie und freiem Denken feiern würden – dieses Potenzial hatte die weltweite Datenvernetzung ja zumindest in ihren Anfängen, und sie hat es vielleicht sogar noch heute –, lassen bislang eher auf sich warten. So scheint es, dass sich die beiden „alten“ Medien Buch und Film eher kulturkonservativ gegen das neue, übermächtige Medium verbünden.

Apropos kulturkonservativ: Dass der Filmdienst selbst seine gedruckte Form und seine Haptik an das Internet verloren hat, ist natürlich einerseits jammerschade. Andererseits aber lehren uns ja die Büchermenschen, die toten Dichter und all ihre Verwandten im Geiste: Carpe diem!, was man mit einer gewissen künstlerischen Freiheit auch mit „Schau nicht zurück!“ übersetzen kann.


Fotos: Capelight, Touchstone, Universal, StudioCanal

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