Cannes 2018/#4: Träume in Schwarzweiß

Filme von Kirill Serebrennikov, Pawel Pawlikowski, Christophe Honoré, Antonie Desrosières und Ali Abbasi

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Cannes schwelgt in Schwarzweiß. Kirill Serebennikov entführt mit „Leto“ (Sommer) in eine kulturelle Nischeder Breschnew-Ära, Pawel Pawlikowski lotet in „Cold War“ die Tiefe einer Liebe aus, die am Kalten Krieg zerbricht; beide Male in nuanciertesten Schwarzweiß-Bildern. Die Entdeckung des Festivals aber ist „Gräns“ von Ali Abbasi, ein umwerfendes Drama über zwei missgestaltete Außenseiter.


Wieder einmal blieb der Stuhl in der Mitte leer, weil ein autoritärer Staat die künstlerische Freiheit missachtet. Bei der Pressekonferenz des russischen Musik- und Liebesdramas „Leto“ (Sommer) war es der des Regisseurs Kirill Serebrennikov; in wenigen Tagen wird es der Platz von Jafar Panahi sein, dessen neuer Film „3 Faces“ erneut ohne seinen seit Jahren unter Hausarrest stehenden Regisseur in Cannes läuft. Kurioserweise wurde Serebrennikov vom Set eines Films weg verhaftet, der kaum politische Brisanz besitzt; es ist eine sichtlich persönlich gefärbte Rückerinnung an die musikalische Undergroundszene der frühen 1980er-Jahren in Leningrad. Auch die Causa Jafar Panahi entbehrt eines harten, justiziablen Kerns; umso mehr aber unterstreichen beide „Fälle“, wie sehr die demokratischen Freiheiten weltweit unter Druck geraten sind.


„Leto“ – Euphorische Ode in Schwarzweiß(Trailer)

An Serebrennikovs Satire „Der die Zeichen liest“ (2016) über den um sich greifenden Fundamentalismus in Russland erinnert sein neuer Film eigentlich nur durch ein spielerisches Element am Rande, wenn Coversongs westlicher Rockbands mit pulsierender Videoästhetik in die eher stille Handlung eingeschnitten werden. In einem Rockclub in Leningrad gestattet die Kulturbürokratie Anfang der 1980er-Jahre eine zarte Blüte westlicher Musik. Kopf der Szene ist der Gitarrist Mike Naumenko, der mit seiner Band Zoopark an einem sowjetischen Rock’n’Roll arbeitet, aber auch andere Sänger und Bands fördert. Der Film fußt auf den Erinnerungen von Naumenkos Ehefrau Natalia und verknüpft eine Dreiecksgeschichte um Mike, Natalia und den russischen Musiker Viktor Tsoi mit vielen Rocksongs, Konzerten und einem „Skeptic“ genannten Kommentator, der ironisch zwischen den Kulturen vermittelt und visuelle Stilbrüche und Fantasien mit dem Hinweis „Hat nicht stattgefunden“ wieder einfängt.

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