Zeit des Aufbruchs

25.5., 20.15-21.45, arte (ERSTAUSSTRAHLUNG)

Diskussion

Die Pariser Ofpra-Behörde ist schwer zu knacken. Wer bei diesem Amt für Migration einen Asylantrag bewilligt bekommen will, sollte seinen Wunsch besser mit außergewöhnlich wasserdichten Argumenten untermauern – die Wahrheit kann mitunter sogar hinderlich sein. Das ist die Ansicht der Dolmetscherin Sira, deren Hang zum Zynismus durch alltägliche Erfahrungen Bestätigung erfährt. Neben ihrem Verdienst lässt sie sich auch von Flüchtlingen dafür bezahlen, dass sie ihnen „bessere“ Lebensläufe erfindet – dass sie damit unter Umständen auch mal einen rechtsextremistischen Türken zum kurdischen Widerstandskämpfer macht und ihm damit das begehrte Asyl verschafft, nimmt sie achselzuckend hin.

Risse in Siras harter Fassade tun sich erst auf, als die 8-jährige Assa aus Mali in ihrer Wohnung unterkommt. Der Vater des Mädchens hatte es nach Frankreich gebracht, um es vor der rituellen Beschneidung zu schützen, wurde aber entdeckt und alsbald abgeschoben. Während Sira dem Mädchen gegenüber nach und nach freundlichere Töne anwendet und auch ein eigenes verwandtes Trauma offenbart, rollt der Film „Zeit des Aufbruchs“ auch noch weitere Schicksale auf: Der irakische Professor Abdul Yassin scheitert mit seiner wahren, aber wenig spektakulären Leidensgeschichte in der ersten Instanz, die junge Anwältin Louise Elaoudi wird durch den Todesfall eines Migranten dazu gebracht, vom Strafrecht zum Asylrecht umzuschwenken.

Die Regisseurin Virginie Sauveur und ihre Drehbuchautorin Gaëlle Bellan bündeln diese sich überlappenden Geschichten – alle Figuren treffen früher oder später auf Sira und Assa – zu einem vielschichtigen Drama über die aufwühlenden Konflikte beim Versuch, in einem überforderten System noch gerechte Entscheidungen zu treffen. Angenehm klischeefrei zeigt der Film auch, dass auf allen Seiten neben Altruisten und Bürokraten auch Menschen Teil des alltäglichen Asylbewerbe-Prozesses sind, die in erster Linie auf ihren Vorteil aus sind, ohne selbst über dieses profitorientierte Verhalten pauschal den Stab zu brechen. Der auch formal beachtliche Film erhielt beim renommierten französischen Fernsehfestival von Luchon dieses Jahr den Hauptpreis, zudem gab es weitere Auszeichnungen für das Drehbuch und die Musik. – Sehenswert ab 14.

Foto: Sévérine Brigeot

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