Zwei Fotografen in Berlin: Irving Penn & Carlos Bustamante

Ausstellungen im "C/O Berlin" und in der Galerie "Fotopioniere"

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Beide standen sie dem Film nahe, zeitgleich haben sie derzeit Foto-Ausstellungen in Berlin: Irving Penn bei C/O Berlin im Amerika Haus in der Hardenbergstraße ist auch als Porträt-Fotograf eine Koryphäe. Er fotografierte u.a. Marlene Dietrich, Alfred Hitchcock, Jean Cocteau, Woody Allen. Außerdem war er der ältere Bruder von „New Hollywood“-Regisseur Arthur Penn („Bonnie & Clyde“). Carlos Bustamante, dessen Arbeiten in der Galerie „Fotopioniere“ in der Karl-Marx-Allee zu sehen sind, ist nicht nur Fotograf, sondern auch Kameramann, Filmregisseur und war Professor für die Theorie audiovisueller Gestaltung an der Universität der Künste Berlin. „Umsonst und draußen“ heißen seine zwei fotografischen Serien. Die Ausstellung ist bis 10. August zu besichtigen; die Schau „Irving Penn: Centennial“ läuft noch bis 1. Juli.

Der eine fotografierte vorwiegend Menschen, der andere Bäume und Sonnenschirme: Größer kann der Unterschied im Blick auf die Welt nicht sein. Der eine, der Amerikaner Penn, ist eine Berühmtheit, ein „Jahrhundertfotograf“, der andere nur Eingeweihten bekannt. Trotzdem oder gerade deswegen kann es reizvoll sein, von der Hardenbergstraße in die Karl-Marx-Allee zu fahren und sich mit der Poesie des Alltäglichen von den attraktiven Posen weltberühmter Persönlichkeiten zu erholen.

Irving Penn hat die Posen internationaler Stars wie kaum ein anderer hervorgelockt. Er hat sie zum Beispiel in eine spitzwinklige Ecke gezwängt, wo sie sehen müssen, wie sie mit sich zurechtkommen. Igor Strawinsky hält eine Hand ans Ohr, Marcel Duchamp kaut auf der Pfeife, Truman Capote hält sich an seinem Mantel fest, George Grosz macht sich klein und Salvador Dalí die Beine breit, José Ferrer scheint Angst vor der Kamera zu haben. Alle sind sie Objekte vor Penns Tessar-Objektiv von Carl-Zeiss; auch Alfred Hitchcock, der auf einer Stoffbank sitzt und traurig in die Welt blickt, Ingmar Bergman, der seine Augenlider streichelt, Marlene Dietrich, eingehüllt in ein dunkles Tuch, blickt erstaunt in die Kamera. Und Pablo Picasso, nur das linke Auge im Licht, dieser unergründliche Blick wie eine Warnung: Komm mir nicht näher!

Waren die Stars Objekte von Penns Fotokamera, waren es die Ureinwohner von Dahomey, Neuguinea, Marokko, Peru noch viel extremer. Er ging nicht zu ihnen in ihre natürliche Umgebung, sondern ließ sie zu sich kommen in ein eigens dafür entworfenes spezielles Zelt. Die Menschen wirken seltsam verloren in der für sie ungewohnten Umgebung. Ist das ein kolonialistischer Blick auf eine Dritte Welt? „Der Realismus der realen Welt“, meint Irving Penn, „ist etwas für mich beinahe Unerträgliches.“

1948 reiste Irving Penn mit seiner zweiäugigen Rolleiflex-Spiegelreflexkamera in die peruanische Andenstadt Cuzco, mietete das Studio eines ortansässigen Fotografen und porträtierte Kinder und Erwachsene in ihren abgetragenen, dicken Kleidern wie Ausstellungsstücke. Ein Bild ist besonders berühmt und wird auf dem Kunstmarkt im Platinum-Palladium-Abzug teuer gehandelt. Es heißt „Cuzco Kinder“ und zeigt einen Jungen und ein Mädchen, barfuß, mit Hut, die sich, an einen antiken Stuhl gelehnt, die Händchen halten und verständnislos in die Kamera blicken. In Cuzco hat sich Penn auch selbst aufgenommen, lässig lehnt er an einem antiken Rollstuhl, den Arm auf der Kamera und den Zeigefinger an der Stirn.

„Small Trades“ betitelte der lässige Irving Penn eine Fotoserie, in der er Arbeiter und Handwerker, Metzger, Bäcker, Fensterputzer, Straßenkehrer, Putzfrauen, Postboten, Krankenschwestern, Feuerwehrmänner vor einen grauen Hintergrund stellte und ablichtete. Sie wirken in seinem distanzierten Blick wie die Karikaturen ihrer selbst; ganz im Gegensatz zum Beispiel zu August Sanders brillanten Berufsbildern, in denen sich die Wertschätzung des Fotografen für die Personen vor der Kamera manifestiert.

Und dann, von der mondänen und glamourösen Akt-, Mode-, Werbe-, Stillleben- und Porträtfotografie von Irving Penn, der meist im Auftrag großer Modehäuser und der US-amerikanischen „Vogue“ geknipst hat, in den Berliner Hinterhof von Carlos Bustamante. Zwei alltägliche Motive bestimmen die Fotografien seiner Ausstellung in der Galerie „Fotopioniere“ in der Karl-Marx-Allee: Regenschirme und Bäume. Bustamante geht mit aufmerksamem Blick durch die Stadt und entdeckt die optische Besonderheit von geschlossenen Regenschirmen, die wie Personen in der städtischen Umgebung stehen; auf einem Bild werden sie zu Gespenstern, die mit großen Augen herabblicken.

Ein großer Baum im Innenhof, der Schatten auf hohe Hauswände wirft, einmal mit grünen Blättern, einmal kahl, ein Foto zeigt nur den Schatten der Äste auf der Hauswand, ein anderes, am Abend aufgenommen, die Äste des Baumes, die Schatten, wenige beleuchtete Fenster und am oberen Bildrand das abendliche Blau des Himmels; eine wunderbare Komposition.

Zwei Fotoausstellungen in Berlin. Die inszenierten Blicke von Irving Penn und der Blick von Carlos Bustamantes Momentaufnahmen. Seine Bilder sind nicht hinter Glas ausgestellt. Man kann sie ohne störende Reflexe betrachten. Es lohnt sich, auf beide Ausstellungen einen Blick zu werfen.


Carlos Bustamante: „Umsonst und draußen“, noch bis 10.8. in der Galerie Fotopioniere (zur Webseite)

Irving Penn: „Centennial“, noch bis 1.7. in der Galerie C/O Berlin (zur Webseite)


Fotos: Startseite: Marlene Dietrich, New York, 1948 © The Irving PennFoundation/ oben:
Alfred Hitchcock, New York, 1947 © The Irving Penn Foundation

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