Filmklassiker: Krakatit

Auf DVD/BD: Ein dystopischer Science-Fiction-Film aus der Tschechoslowakai der Nachkriegszeit

Diskussion

Im April 1948 stellte der tschechische Regisseur Otakar Vávra seinen „phantastischen“ Film „Krakatit“ vor, der bald auch internationale Aufmerksamkeit erfuhr. Auf der Grundlage des gleichnamigen, 1922 verfassten Romans seines Landsmannes Karel Čapek erzählte Vávra eine Parabel von der Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Entdeckungen.

Sein Held, der Chemieingenieur Prokop, hat die Formel für einen starken Sprengstoff entwickelt, die nun, sofern sie in falsche Hände gerät, Krieg und Tod über die Welt bringen, ja sogar den Fortbestand der Spezies Mensch gefährden kann. Vor dem Hintergrund des gerade einmal drei Jahre zurückliegenden Zweiten Weltkrieges, aber auch des Einsatzes der Atombombe durch die US-Amerikaner in Hiroshima und Nagasaki, verstand sich Vávras Film als Mahnung und Warnung. Abgemildert ist diese Aussage jedoch dadurch, dass die im Film gezeigten Geschehnisse schon von der ersten Szene an als Fiebervision eines schwer Erkrankten definiert werden. Immerhin ermöglichte diese Perspektive einen Wechsel von realistischen und surrealistischen Momenten, von Wirklichkeit, Traum und Albtraum. Manche Sequenzen wirken so, als ob sich Vávra ein Vorbild an Hitchcocks „Spellbound“ (1945) genommen hätte; auch die Musik von Jiri Sřnka orientiert sich deutlich an der Art, wie Miklós Rózsa die Amnesie der Hitchcock’schen Hauptfigur und deren Orientierungslosigkeit in einer als feindlich empfundenen Umwelt dramaturgisch begleitete.

„Krakatit“ spielt in einem Fantasieland, gleichsam zwischen Gestern und Morgen. Auf der Suche nach einem Kollegen, der sowohl den Sprengstoff als auch dessen Formel in seinen Besitz gebracht hat, trifft Prokop auf eine Gesellschaft wächserner Figuren, die ihr Herrschaftsgebiet mit elektrischem Stacheldraht umgeben haben. Während diese Oligarchen noch aus der Zeit der Monarchie zu stammen scheinen, trägt ihre Armee Uniformen à la Wehrmacht und SS. Der Baron d’Hémon, der Prokop zur Flucht aus jenem merkwürdigen Reich verhilft, ist dann niemand anders als der Teufel (Dämon) selbst. Mit Hilfe Prokops und seiner Erfindung strebt er, nach atomarem Erstschlag, die Weltherrschaft an.

Interessanterweise steht „Krakatit“ mit seinem appellativen Gestus bei gleichzeitig abstrahiertem Gesellschaftsbild im europäischen Kino des Jahres 1948 nicht allein. Zur gleichen Zeit drehte Arthur Maria Rabenalt bei der Defa die Gesellschaftssatire „Chemie und Liebe“ nach einer Vorlage von Béla Balázs, in der sich ein Wissenschaftler im Fantasieland Kapitalia von seinen monopolistischen Auftraggebern abwendet. Und in „Der Herr vom anderen Stern“ (Regie: Heinz Hilpert), hergestellt mit der Lizenz der drei westlichen Besatzungsregierungen im Studio München Geiselgasteig, gelangt ein zufälliger Erdengast (Heinz Rühmann) in ein nicht näher bezeichnetes Land, in dem Generäle von einer „Humanisierung des Krieges“ durch die – damals noch gar nicht erfundene – Neutronenbombe träumen. Der Sternenbewohner entwirft daraufhin in einer mahnenden Rede die Schreckensvision eines Atomkrieges, der „wie Sintflut und Eiszeit zusammen“ wäre. Alle drei Filme verzichten auf eine konkrete zeitliche und örtliche Bindung ihrer Fabel; dazu kommt es erst 1949, als Kurt Maetzig bei der Defa „Der Rat der Götter“ über die Mitverantwortung deutscher Chemiker und der Großindustrie (IG Farben) für den Holocaust inszeniert.

Zurück zu Vávra. Mit Karel Höger fand er einen Darsteller, der wie ein von seinen Furien Getriebener durch die Handlung taumelt. Besonders in den Szenen, in denen er ohne Mitspieler auftritt, etwa in dem einsamen Holzhaus, das ihm als Versuchslabor dient, zeigt er die Zerrissenheit seiner Figur mit jedem Blick, jeder Geste. Zweifellos erinnert Höger hier an die verlorenen Helden der amerikanischen Schwarzen Serie, oder auch an Ray Milland in Billy Wilders Alkoholikerdrama „The Lost Weekend“ (1945). So wie die unbekannte Frau im Spiegel, die Prokop erscheint, ist auch der alte Kutscher, der ihn zweimal im Film auf seinen Wagen lädt, als allegorische Figur zu begreifen. Freilich nimmt ihn dieser Fährmann des Todes noch nicht mit ins Reich der ewigen Schatten, sondern befördert ihn zurück ins Leben, was dem Film einen vorsichtig optimistischen Schluss verleiht.

Kurz nach der Premiere von „Krakatit“ änderten sich die Geschäftsbedingungen im tschechoslowakischen Kino. Ab Sommer 1948 setzte die Kommunistische Partei das 1945 beschlossene Dekret über die Nationalisierung der Kinematografie rückhaltlos durch und nahm das Medium Film unter verschärfte ideologische Kontrolle. Anfang der 1950er-Jahre geriet auch „Krakatit“ in den Strudel ideologischer Kritik. Das Verdikt lautete, der Film sei kosmopolitisch und von einem „kleinbürgerlichen Pazifismus“ gekennzeichnet. Otakar Vávra, 1949 noch mit einem Staatspreis für Regie ausgezeichnet, musste zwei Jahre pausieren, rehabilitierte sich dann aber mit staatstragenden Historienspektakeln wie „Jan Hus“ (1954) und blieb bis zum Ende des „realen Sozialismus“ einer der meistbeschäftigten tschechischen Regisseure. 1980 legte er mit „Dunkle Sonne“ ein schwaches Remake von „Krakatit“ vor, das der Erinnerung an den eigenen Science-Fiction-Klassiker indes keinen Abbruch tat.

Kommentar verfassen

Kommentieren