Cannes 2018/#9 – Unter Druck

Festivalblog aus Cannes 2018

Diskussion

Cannes steht unter Druck. In der US-amerikanischen Branchenpresse mehren sich kritische Stimmen, die sogar von einem Niedergang des Festivals sprechen. Der Grund: das Fehlen „echter“ (Hollywood-)Stars an der Croisette. Daran änderte auch die Aufführung „Solo: A Star Wars Story“ nichts. Das Festival kontert solche Vorwürfe mit dem, was es am besten kann: der Präsentation sperriger, vielfältiger Filme.

Wie weit die Spannweite reicht, macht ein Film wie „Under the Silver Lake“ (Trailer) von David Robert Mitchell klar, der auf den Spuren von David Lynch eine grotesk ausufernde Odyssee durch Los Angeles entwirft, die ihren Protagonisten (Andrew Garfield) durch mehr als ein Dutzend bizarrer Arrangements stolpern lässt. Obwohl die Hauptfigur wegen Zahlungsunfähigkeit aus ihrem Appartement zu fliegen droht, interessiert sich der Held ausschließlich für die verschwundene Blondine aus dem Basement. Auf der Suche nach ihr stürzt sich der Film mit tollkühner Verwegenheit in ein Meer aus filmischen Bezügen, popkulturellen Anspielungen und Genre-Elementen, in der es um einen Hundekiller, verborgene Botschaften in Liedern und Filmen, Prostitution und Drogen, Songs und Comics, Sex, Sehnsucht und eine Müsli-Box geht, die den Weg in die Sterne weist. Eine wüste, wilde, rauschhaft ungezügelte Filmfantasie, so maßlos wie somnambul, grandios fotografiert und ohne Rücksicht auf Konventionen inszeniert.

"Under the Silver Lake"
"Under the Silver Lake"

Das aktuelle Gegenstück zum halluzinogenen Kino eines David Robert Mitchell ist „En Guerre“ (Trailer) von Stéphane Brizé, der wie schon in „Der Wert des Menschen“ mit seinem Hauptdarsteller Vincent Lindon erneut in die Welt der Werktätigen eintaucht. Lindon spielt einen französischen Betriebsrat aus einer Fabrik, die von einem deutschen Konzern übernommen wird und aus Rentabilitätsgründen geschlossen werden soll. Und das, obwohl die Arbeiter zwei Jahre zuvor einer Vereinbarung zugestimmt hatten, anstelle von 35 Stunden fortan 40 Stunden ohne Lohnausgleich zu arbeiten. Damit sollten die Arbeitsplätze bei dem Autozulieferer fünf Jahre lang gesichert werden. Umso größer ist die Wut und der Frust. Unter Führung von Lindons Figur pocht die Belegschaft darauf, dass der Vertrag eingehalten wird. 

Der Film zeichnet mit furioser Solidarität den zermürbenden Kampf nach, in CinemaScope und immer hautnah bei den Figuren und ihren fast durchgängig lautstarken Auseinandersetzungen, wobei hier von der ersten Sekunde an klar ist, dass sich der Anführer wirklich in einem Krieg gegen die Arbeitslosigkeit befindet, die nicht nur die Belegschaft, sondern auch die Region ins Elend stürzen würde. Parteiisch, solidarisch, mit nicht aufhörenden Standing Ovations bedacht, in denen der in Frankreich brandaktuelle Hintergrund anklang, und eigentlich ein Anwärter für den Darstellerpreis, wenn Lindon nicht bereits eine Palme für „Der Wert des Menschen“ erhalten hätte.

"En Guerre"
"En Guerre"

Und „Solo : A Star Wars Story“? Der Millenium Falke ist gelandet. Aber das ist eine andere Geschichte. Ab nächster Woche im Kino. Hier erste Bilder und der Trailer.


Kurz notiert:

In „Euforia“ (Trailer) setzt die italienische Schauspielerin Valeria Golino ihre in „Miele“ (2013) begonnene Karriere als Regisseurin fort, mit einem ähnlich stylisch ambitionierten Drama über zwei ungleiche Brüder, die wieder in Kontakt kommen, als einer von ihnen schwer erkrankt. Mit einer eleganten Kamera, elliptisch raffiniert angeschnittenen Szenen, einem bisweilen gewöhnungsbedürftigen Humor und einer Inszenierung, die viel Raum für Ungesagtes oder schwer Artikulierbares lässt.

"Euforia"
"Euforia"

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