Lucian Pintilie (9.11.1933-16.5.2018)

Ein Nachruf auf den rumänischen Filmemacher („Die Rekonstruktion“)

Diskussion

Mit seinem Film „Die Rekonstruktion“ machte der rumänische Filmregisseur Lucian Pintilie 1970 eine vergleichbare Erfahrung wie etwa zur selben Zeit seine tschechoslowakischen Kollegen Jirí Menzel („Lerchen am Faden“), Milos Forman („Der Feuerwehrball“) und Juraj Herz („Der Leichenverbrenner“) oder auch Frank Beyer in der DDR mit „Spur der Steine“: Auf humorvoll vorgebrachte Kritik an Politik und Gesellschaft reagierten die Ostblockstaaten ausnahmslos besonders verschnupft. Pintilie hatte sich zu dem Zeitpunkt bereits einen Namen als Theaterregisseur in Bukarest sowie mit seinem Regiedebüt „Sonntag um 6“ (1966), einer zurückhaltend gestalteten Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund gemacht.

Sein zweiter Film im Stil des englischen Free Cinema kam demgegenüber in jeder Beziehung schärfer rüber: Zwei rumänische Oberschüler, angeklagt wegen Sachbeschädigung und leichter Körperverletzung, werden darin verurteilt, ihre Tat zu rekonstruieren, damit ein erzieherischer Lehrfilm für ihre Altersgenossen gedreht werden kann. Schikanen während der Dreharbeiten sorgen allerdings dafür, dass die Nachstellung drastischer ausfällt als die ursprünglichen Taten.

Nachdem „Die Rekonstruktion“ nur wenige Wochen in rumänischen Kinos lief, wurde der Film von der Zensur kassiert und konnte sich erst nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes ab 1990 wieder Ruhm erwerben: Für Regisseure des neuen rumänischen Kinos wie Cristian Mungiu („4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) und Cristi Puiu („Der Tod des Herrn Lazarescu“) eine wichtige Inspirationsquelle, wählten Rumäniens Filmkritiker „Die Rekonstruktion“ zum besten rumänischen Film aller Zeiten.

Lucian Pintilie ging nach dem Eklat zurück ans Theater und inszenierte ab 1973 in Frankreich. Nachdem ein weiterer Film – „De ce trag clopotele, Mitica?“ (1982) nach einem Bühnenstück des Komödienautors Ion Luca Caragiale – schon während der Dreharbeiten verboten wurde, konnte Pintilie erst ab den 1990er-Jahren regelmäßig fürs Kino arbeiten. In dieser produktiven Phase entstanden u.a. „Le Chêne – Baum der Hoffnung“ (1992), eine apokalyptisch gestimmte Schilderung der letzten Phase des Ceaucescu-Regimes und der Selbstbehauptungsversuche zweier Außenseiter, der sozialkritische Thriller „Mord unter Tage“ (1996) sowie „Terminus paradis“ (1998, Spezialpreis der Jury in Venedig) über eine von gesellschaftlichen wie persönlichen Arrangements behinderte Romanze.

Kommentar verfassen

Kommentieren