Greatest Showman

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Das Publikum fordert Zerstreuung, und Phineas Taylor Barnum gehorcht beflissen. Das bescheidene New Yorker Wohnhaus ist zwar kaum glamourös, und die Zuschauerschaft besteht nur aus seinen beiden Töchtern; doch für einen geborenen Unterhaltungskünstler wie Barnum ist auch die „kleinste Show der Welt“ eine willkommene Herausforderung. So präsentiert er den staunenden Mädchen eine „Wunschmaschine“, ähnlich jenen als Zoetrop oder „Wundertrommel“ bekannten Vorformen der Filmkunst, deren rotierender Korpus ein Lichterspiel hervorzaubert.

Noch sind die „Millionen von Träume“, die Barnum in „Greatest Showman“ am Anfang seines Lebenswegs besungen hat, nicht wahr geworden, doch die Zeichen sind eindeutig: Barnum besitzt einen Instinkt für die Begierden des Publikums, kann diese selbstbewusst verkaufen – und ist offen für Anregungen. Als sein Museum für seltene Sehenswürdigkeiten unter Startschwierigkeiten leidet, rät ihm seine ältere Tochter, etwas „Sensationelles“ zu präsentieren, was der findige Geschäftsmann mit Freuden aufgreift.

Bald hat er eine einzigartige Truppe um sich geschart: Klein- und Großwüchsige, Frauen mit Bart, Männer mit Ganzkörperbehaarung oder -tätowierung und andere „Launen der Natur“, die zu Stars werden, weil Barnum die Neugier des Publikums für größer als die Berührungsängste hält. Kein Vertreter der US-Unterhaltungsbranche im 19. Jahrhundert hat mehr Einfluss auf spätere Zeiten gehabt als P.T. Barnum (1810-1891), der unter anderem den modernen Zirkus erfand und die Mittel der Werbung revolutionierte.

Auch das Kino ist bis heute so sehr von seinen Grundsätzen beeinflusst, dass es wundert, wie selten es sich bislang mit dem Mann dahinter beschäftigt hat: Neben einigen Auftritten als Nebenfigur wie in „Tolldreiste Kerle in rasselnden Raketen“ (fd 15 161) und „Gangs of New York“ (fd 35 802) ist Michael Graceys „Greatest Showman“ nach „The Mighty Barnum“ (1934) erst die zweite Leinwand-Biografie. Die übersichtliche Zahl an Vorgängern ist durchaus von Vorteil, da sie dem Film erlaubt, erfrischend frei mit den Lebensstationen zu hantieren, selbst wenn der Umgang mit Zeitfolgen, Ereignissen und historischen Personen mitunter – ganz im Sinne Barnums – abenteuerlich ausfällt. Schlüssig ist auch, Barnum zur Hauptfigur eines Musicals zu machen, in dem sein Hang zu spektakulären Auftritten durch die furiosen Entertainer-Qualitäten des ideal besetzten Hugh Jackman eine adäquate Umsetzung erfährt.

Der bislang mit Werbespots hervorgetretene Australier Michael Gracey zeigt in seinem Spielfilmdebüt (neben der Neigung zum Kitsch) einiges Talent für originelle Song-and-Dance-Nummern, vor allem da, wo die Spektakel- und Akrobatik-Aspekte betont werden sollen. Das Komponisten-Duo Benj Pasek und Justin Paul, das mit Songtexten am Erfolg von „La La Land“ (fd 44 403) beteiligt war und für das Bühnenmusical „Dear Evan Hansen“ über die Tragödie eines missachteten Teenagers etliche Theaterpreise gewann, lässt auch in den Liedern für „Greatest Showman“ musikalischen Witz aufblitzen. Insbesondere die großangelegten Momente überzeugen, etwa Eröffnung und Finale sowie das flammende Bekenntnis der als „Freaks“ verschrienen Show-Stars zum eigenen Wesen gegenüber einer intoleranten Umwelt. Ihren Impresario P.T. Barnum ebenfalls als Außenseiter zu interpretieren, der um seine Anerkennung in der Welt ringt, ist ein naheliegender Ansatz, aus dem der Film eine amerikanische Erfolgsstory spinnt: von Barnums ungünstigen Anfängen als Sohn eines Schneiders und vielen gescheiterten Unternehmungen bis zum Reichtum durch sein Museum, den er aber nicht genießen kann, solange ihn die feine New Yorker Gesellschaft schneidet.

Wenn „Greatest Showman“ bei aller Sorgfalt am Ende hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, dann weil die Filmemacher die verschiedenen Facetten ihrer Hauptfigur nicht in den Griff bekommen: Zwar ist der Blick auf Barnums ungebremstes Erfolgsstreben bemerkenswert ambivalent, gerade in der Behandlung seiner „Show-Familie“, die er zwar fördert, stets aber gönnerhaft behandelt und im Zweifel von sich fernhält, um den eigenen Aufstieg nicht zu gefährden. Alles in allem laviert der Film aber zwischen der Erzählung vom trickreichen Vollblut-Geschäftsmann und dem Traum „seines“ Barnums von einem biederen Familienleben und greift für die Versöhnung dieses Konflikts tief in Hollywoods Klischeekiste. So ist „Greatest Showman“ eher ein solider Vertreter als ein innovativer Erneuerer des Showbiz-Musicals. In Sachen Risikobereitschaft hätte der Film von P.T. Barnum noch das eine oder andere lernen können.

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