1968: Die Zukunft der Vergangenheit

Dienstag, 22.05.2018

Auf breiter filmkultureller Front wird des Jahres 1968 gedacht. Was ist von den ästhetischen Konzepten dieser Zeit des Um- und Aufbruchs geblieben? Auch die Retrospektive der Kurzfilmtage in Oberhausen widmete sich diesem Thema.

Diskussion

Auf breiterfilmkultureller Front wird derzeit des Jahres 1968 gedacht. Was ist von den ästhetischen Konzepten dieser Zeit des Um- und Aufbruchs geblieben? Auch die Retrospektive der Kurzfilmtage in Oberhausen widmete sich dem Thema. Ein Resümee.


Ein älterer Herr muss seine Sachen packen und weiterziehen. 20.000 Dollar Mietschulden sind aufgelaufen. Der Verkauf des von ihm bewohnten billigen Hotels und dessen Umwandlung in eine Luxus-Absteige liefern den endgültigen Anlass für den Rausschmiss. Es sind viele Dinge, die sich da angesammelt haben; der Schuldner ist nicht irgendwer. Harry Smith (1923-1991) war ein Universalgenie der US-amerikanischen Avantgarde. Er hat frühe Blues- und Folkmusik gesammelt und erstmals veröffentlicht, indianische Kunst archiviert, sich mit Schamanismus und Okkultismus beschäftigt, hat geforscht, gedichtet und gemalt. Und er hat zwischen 1939 und 1981 zahlreiche Experimentalfilme gedreht. Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre gehörte er zu den weltweit einflussreichsten Underground-Filmemachern überhaupt. Sein würdeloser Rauswurf aus dem New Yorker Breslin-Hotel zeugt nicht nur von der Abwesenheit eines funktionierenden Sozialsystems, er spricht auch von massiver kulturhistorischer Vergesslichkeit und stellt die Frage, wie nachhaltig einst immens aufsehenerregende Leistungen eigentlich sind.

Dokumentiert wurde der Exodus des Künstlers 1985 von keinem geringeren als Robert Frank. Nun hat der legendäre Fotograf und Filmemacher (Jahrgang 1924) das alte VHS-Material wiedergefunden, editiert und in Oberhausen eingereicht. „Harry Smith at the Breslin Hotel“ lief im Wettbewerb – und war nur einer von mehreren aktuellen Beiträgen, die eine Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft schlugen.


Derzeit wird das Schlüsseljahr 1968 als Synonym für den Übergang von einem historischen Zustand in einen nächsten, scheinbar ganz anderen beschworen.

Kaum ein Festival im globalen Karussell geht an dieser magischen Jahreszahl vorbei, auch Oberhausen nicht. Dabei schält sich langsam die Erkenntnis heraus, dass mythische Jahre wie 1968 inzwischen auch als Hilfskonstruktionen eines nimmermüden Festtagskalenders fungieren, der jeweil

Filmdienst Plus

Ich habe noch kein Benutzerkonto
Kommentar verfassen

Kommentieren