Dinorama: Eine Filmgeschichte der Riesenechsen

Diskussion

Mit dem Start von „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ (hier die Kritik) bringen sie die Kinoleinwand wieder zum Beben: der Tyrannosaurus und seine Dino-Gefährten, an denen sich das Medium Film einfach nicht sattsehen kann. Die Möglichkeiten, den Urzeit-Echsen im Kino neues Leben einzuhauchen, sind untrennbar mit den Entwicklungen der Tricktechnik verbunden. Eine Passage bis in die Frühgeschichte des Mediums.


Die Dinosaurier und das Kino: Keine Kunstform scheint der kaum vorstellbaren Imposanz der Vorzeitkolosse angemessener als die bewegte Leinwand. Einzig hier, wo winzige Details zu monumentaler Größe erhoben werden können und, gleich darauf, etwa die erhabenen Steinmassen von Monument Valley die Helden eines John-Ford-Westerns in ihre menschlichen Dimensionen verweisen, lässt sich eine glaubhafte Vorstellung vom Leben einer versunkenen Welt gewinnen.

Man könnte die Saurier sogar als Verwandte des Kinos betrachten, denn wie die Kinematografie verdanken beide ihre Entdeckung dem Geist des 19. Jahrhunderts, und ihre Rekonstruktion geht einher mit einer Utopie der Moderne, die auch das Kino hervorbrachte. Mit fortschreitender Technik sollte es dem Menschen gelingen, selbst die Grenzen der Zeit zu überwinden und Vergangenes wiedererstehen zu lassen. Das Kino brachte, wie auch die Saurier, Mythologie in seltenen Einklang mit technisch-wissenschaftlicher Nüchternheit. Dem Brachiosaurus baute man in Berlin eine Museumshalle als Monument der Wissenschaft – fast zeitgleich mit der Vollendung des Kölner Doms nebst angrenzendem Bahnhof als Kathedrale des Fortschritts.

Der Dino-Bändiger Owen Grady und Velociraptor Blue als Weggefährten in "Jurassic World"
Der Dino-Bändiger und der Velociraptor als Weggefährten in "Jurassic World: Das gefallene Königreich"

Der rasche Weltruhm des Kinos um die Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts fiel zusammen mit dem Höhepunkt der Popularität der Dinosaurier. Konnte es für das Kino, insbesondere den Trickfilm, eine größere Herausforderung geben, als dieser ausgestorbenen Spezies wieder Leben einzuhauchen? Bevor die Gen-Technologie auch diese Utopie Wirklichkeit werden lässt, ist es gegenwärtig Filmemachern wie Steven Spielberg („Jurassic Park“, 1993), Eric Brevig („Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, 2008), Peter Jackson („King Kong“, 2005) und Colin Trevorrow („Jurassic World“, 2015) vorbehalten, mittels neuester Computeranimation die Rückkehr der Echsen zu simulieren.


Mein Freund, der Dino

Nicht zum ersten Mal ist das Sujet „Dinosaurier“ dabei Anlass zu Innovationen im Trickfilm. Verfolgt man die Filmgeschichte zurück zu den früheren Wegmarken der Animationstechnik, stößt man bereits auf prominente Vertreter dieser Gattung.

Ihren ersten Höhepunkt erlebte die Kunst des Animationsfilms am 8. Februar 1914. Winsor McCay, als Comic-Zeichner des „Little Nemo“ bereits eine Berühmtheit, trat an diesem Abend vor das Publikum des Chicagoer Palace-Theaters. Der Vorhang öffnete sich vor einem gezeichneten Urzeit-Panorama. Davor stand der elegante McCay, bewaffnet mit der Peitsche eines Dompteurs, um eine eigentümliche Tierdressur vorzuführen. „Gertie, der Saurier“ hatte sich hinter ein paar Steinen versteckt und trottete nun hervor, um auf seine Kommandos hin Kunststücke vorzuführen. Manchmal vielleicht ein wenig unwillig, dann aber außerordentlich geschickt im Tanzen und Verschlingen ganzer Baumstämme.

Eine Pionierleistung des Zeichners Winsor McCay: "Gertie, der Saurier"
Eine Pionierleistung des Zeichners Winsor McCay: "Gertie, der Saurier"

Emile Cohl, der die Trickfilmkunst einige Jahre zuvor erfunden hatte, erinnerte sich später nicht ohne Missgunst an die Auftritte McCays: „Das Publikum applaudierte der Kunst und dem Künstler gleichzeitig. Es war einträglich für McCay, der nie das Theater verließ, ohne sich vom Kassierer einige Banknoten aushändigen zu lassen.“

Noch heute ist das erhaltene Filmfragment, das McCay später zu einem eigenständigen Trickfilm (Video) umgearbeitet hat, bemerkenswert. Außerordentlich fließend sind die Bewegungen des Sauriers, da der Künstler nicht, wie später üblich, Bilder zweimal kopierte, sondern jede der Bewegungsphasen einzeln zeichnete. Dies tat er mit einer Eleganz in der Konturierung, die an Jugendstil-Illustrationen erinnert. Das Modernste an „Gertie, der Saurier“ aber ist sein Charakter geblieben: er ist so liebenswert, wie sich heutige Kinder ihre „Dinos“ vorstellen, mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Interessant auch McCays Pionierleistung in der Verbindung von Animation und realer, menschlicher Präsenz: Er fütterte seinen Saurier und ritt am Ende auf ihm davon.

Auch Willis O’Brien, der wohl wichtigste Vertreter des Figuren-Trickfilms seiner Zeit und späterer Vater von „King Kong“, stellte einen Brontosaurus in den Dienst der Menschen. In seiner Komödie „The Dinosaur and the Missing Link“ (Video) aus dem Jahr 1915 buhlen einige Steinzeitmenschen um die Gunst einer Frau. Siegreich ist schließlich derjenige, der vorgibt, einen Affenmenschen bezwungen zu haben, den in Wahrheit der Saurier auf dem Gewissen hat. Das Nebeneinander von Steinzeitmensch und Dinosaurier, aus dem in ihrem späten Kinodebüt noch die „Familie Feuerstein“ (1993) manchen Witz bezog, hatte schon D.W. Griffith aller wissenschaftlichen Wahrheit zum Trotz in Kauf genommen. Mit „Man’s Genesis“ (1912) inszenierte er den frühesten bekannten Saurier-Auftritt der Filmgeschichte.

Realistischere Züge hatten die Echsen in Willis O’Briens zweitem Saurier-Film aus dem Jahr 1919, einem um wissenschaftliche Genauigkeit bemühten Rückblick auf die Welt vor 65 Millionen Jahren. „The Ghost of Slumber Mountain“ (Video) bediente sich der Unterstützung Dr. Barnum Browns, eines Paläontologen vom „Museum of Natural History“. In O'Briens Meisterwerk „The Lost World“ (Video) schließlich, nach einem Roman von Arthur Conan Doyle, zeigten sich die Dinosaurier 1925 von ihrer gefährlichen Seite. Auf die Detailtreue der 49 verschiedenen Modelle hatte man größten Wert gelegt und wagte auch die Konfrontation mit menschlichen Darstellern.

Die erste Großtat des "King Kong"-Schöpfers Willis O'Brien: Dinosaurier im Stummfilm "The Lost World"
Die erste Großtat des "King Kong"-Schöpfers Willis O'Brien: Dinosaurier im Stummfilm "The Lost World"

Leider lässt sich bei der Einzelbild-Animation plastischer Puppen eine gewisse Ruckartigkeit selten vermeiden, ein Umstand, der stets dem angestrebten Naturalismus entgegensteht und das Funktionsprinzip des Trickfilms offenlegt. Selbst die aufwendigen Saurier-Szenen (Video) in „King Kong“ (1933) leiden bei aller Bewegtheit und Plastizität an diesem Nachteil des Puppentrickfilms. Als Irwin Allen 1959 ein CinemaScope-Remake von „The Lost World“ drehte („Versunkene Welt“), blieb der als Berater verplichtete O’Brien weitgehend unbeschäftigt. Man war auf eine ungleich einfachere und dabei höchst effektive Methode verfallen, Dinosaurier vor die Kamera zu holen. Kurzerhand hatte man gewöhnlichen Reptilien monströse Verkleidungen verpasst und sie in riesigen Rückprojektionen auf die menschlichen Darsteller treffen lassen.


Verlorene Legenden

Wie gut sich der Zeichentrickfilm für die Wiedererweckung urzeitlichen Lebens eignete, bewies Walt Disney 1940. Zu den unbestrittenen Eckdaten in der Trickfilmgeschichte zählt „Fantasia“. Nie zuvor wurde ein solcher Qualitätsstandard in der Verlebendigung von Malerei und Zeichnung erreicht, der auf eine anspruchsvolle künstlerische Konzeption traf. In der Episode „Le sacre du printemps“ (Video) erzählte Disney zur Musik von Igor Strawinsky eine Geschichte irdischen Lebens, wie sie dem damaligen Stand der Forschung entsprach. Beginnend mit dem Urknall, endete sie mit dem qualvollen Sterben der Dinosaurier. Mit im Trickfilm bislang ungekannter Ernsthaftigkeit widmet sich Disney seinem Sujet. Fast alle bekannten Saurier-Arten geben sich, glaubhaft bewegt, ein Stelldichein. Höhepunkt ist das ungleiche Duell zwischen einem Tyrannosaurus und einem friedfertigen Verwandten, den gewaltige Rückenplatten schon dem jüngsten Experten als Stegosaurus kenntlich machen. Es erstaunt noch heute, wie wenig comichaft überzeichnet Disneys Saurier sind. Einzig ein kleiner Baby-Saurier verriet seine Schöpfer. Disney-Epigone Don Bluth jedenfalls machte das Saurierkind, fast unverändert, 1988 zum Star seines Zeichentrickfilms „In einem Land vor unserer Zeit“.

Es sollte bis in die 1980er-Jahre dauern, ehe mit Disneys „Baby - Das Geheimnis einer verlorenen Legende“ ein verändertes Saurier-Bild Einzug in die Filmgeschichte fand. Im postmodernen Bewußtsein war die Echsen zu zahmen Spielgefährten geworden, die früher einmal in Filmen wie „Panik in New York“ (1953), „King Dinosaur“ (1955), „Dinosaurus“ (1960) oder „Gorgo“ (1961) Angst und Schrecken verbreitet hatten. „Godzilla“ wiederum ließ das Publikum in zahlreichen Auftritten seit seinem Debüt in dem Klassiker von Inoshiro Honda aus dem Jahr 1954 Anteil nehmen an der geradlinigen Läuterung vom einstigen Sinnbild atomarer Bedrohung zum wahren Menschenfreund. Und in der „Jurassic Park“-Reihe verschlingen der Tyrannosaurus, die Velociraptoren & Co. zwar so manchen Menschen; die eigentlichen Monster aber sind die skrupellosen Geschäftsleute und Militärs, die die Urzeitwesen instrumentalisieren wollen.

Kino-Dinowelten zum Staunen in "Vergessene Welt: Jurassic Park"
Kino-Dinowelten zum Staunen in "Vergessene Welt: Jurassic Park"

Mit dem Kino ist auch der Dinosaurier als Kind der Moderne in die Jahre gekommen und muss sich eine Umbewertung durch postmoderne Umwelt-Utopien gefallen lassen. Glaubt man Peter Greenaway, wird das Kino dabei sein prähistorisches Schicksal teilen und aussterben: „Keine Träne werde ich dem Kino nachtrauern“, erklärte Greenaway in Vorfreude der unbegrenzten Möglichkeiten der Digitaltechnik. Dass das Zelluloid tatsächlich zum Aussterben verurteilt ist, haben nicht zuletzt Effekt-Blockbuster wie die „Jurassic Park“-Reihe bewiesen: ohne Computeranimation wäre die Dino-Renaissance, die 1993 mit „Jurassic Park“ begann und derzeit mit „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ wieder neu zelebriert wird, nicht denkbar. Und wie sieht wohl die Zukunft aus? Lebendige, gentechnisch generierte Dinos bevölkern die Welt. Und das Kino? Ausgestorben.

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