Was morgen geschah

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Die glorreichste Ära von Filmen mit fantastischem Einschlag fand in Hollywood von Mitte der 1930er-Jahre bis Anfang der 1950er-Jahre statt. Man kann darin die gesellschaftlichen Erschütterungen der Jahre nach der Weltwirtschaftskrise über den Zweiten Weltkrieg bis zur Nachkriegszeit erahnen. Vielfach boten diese Filme der verunsicherten US-Bevölkerung Trost, indem sie die Allgegenwart (fast ausschließlich) wohlwollender Geister behaupteten und Durchschnittsamerikanern Schutzengel und Gespenster, Kobolde und Riesenhasen zur Seite stellten.

Beunruhigende Aspekte des Übersinnlichen blieben dabei meist außen vor. Die Hollywood-Komödie „Was morgen geschah“ des Franzosen René Clair aus dem Jahr 1944 stellt insofern eine Ausnahme dar. Clair greift darin den alten Menschheitstraum auf, einen Blick in die Zukunft zu werfen, was im Falle seines Protagonisten Larry Stevens nicht persönlicher Neugierde entspricht, sondern pragmatischen Überlegungen. Wenn der Film nach einem kurzen Prolog 50 Jahre zurück ins letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts springt, stellt er Stevens als ehrgeizigen Kleinstadt-Reporter vor, der es auf den raschen Aufstieg bei den „Evening News“ abgesehen hat.



Der Blick in die Zukunft: Ein zweischneidiges Schwert

In geselliger Runde träumt er laut vor sich hin, wie praktisch es doch wäre, in diesem Moment bereits die Zeitung mit den Schlagzeilen des nächsten Tages in Händen zu halten. Die Nachrichten der Zukunft erscheinen Stevens mit Blick auf seinen beruflichen Erfolg als einzig lohnende, die Geschehnisse der Gegenwart und der Vergangenheit dagegen als wertlos. Das reizt Pop Benson, den greisen Archivar der Zeitung, zum Widerspruch. Benson argumentiert philosophisch, dass Nachricht gleich Nachricht sei, einerlei, ob sich etwas schon ereignet habe oder erst noch ereignen werde. Gleichwohl tritt er Stevens später auf einer nebelverhangenen Straße noch einmal gegenüber und überreicht ihm die Abendzeitung des nächsten Tages; darin wird Stevens auf seinen ersten „Knüller“ stoßen, der ihn tatsächlich zum neuen Starreporter der Zeitung machen, aber auch in absehbare Schwierigkeiten bringen wird.

Der moralische Impetus liegt von Anfang an auf der Hand: Der Journalist nutzt seinen Wissensvorsprung weidlich aus, doch erweist sich der Vorteil als zweischneidiges Schwert. Sein erster Triumph ist ein Artikel über einen Raubüberfall bei einer Aufführung in der Oper; da Stevens ohne das Wissen um das Verbrechen diesen Ort gar nicht aufgesucht hätte, steckt er gegenüber der Polizei und seinem Chef bald in großen Erklärungsnöten.



Nachdem er sich dank einer weiteren vorzeitig erhaltenen Zeitung kurzfristig etwas Luft verschaffen kann, begehrt der Unverbesserliche ein drittes Mal gegen die natürliche Abfolge der Dinge auf. Diesmal interessieren ihn nicht die Schlagzeilen, sondern die Ergebnisse der Pferderennen, womit er sich ein solides finanzielles Polster verschaffen will. Damit aber scheint er das Schicksal einmal zu oft herausgefordert zu haben, denn in ebendieser Zeitung entdeckt er auch eine Meldung über seinen eigenen Tod. Die Angaben zu diesem sind so präzise vermerkt, dass es theoretisch ein Leichtes sein müsste, ihn zu vermeiden; doch mit unverrückbarer Folgerichtigkeit trägt Stevens selbst dazu bei, sich zum gegebenen Zeitpunkt am genannten Ort aufzuhalten.

Das Spiel mit dem Zeitparadox als Spitze gegen US-amerikanische Mythen

An der prophezeiten Zukunft ist nicht zu rütteln. Diese Erkenntnis teilt „Was morgen geschah“ mit „König Ödipus“. Einen tragischen Verlauf nimmt die Geschichte bei René Clair freilich nicht; stattdessen nutzt der Regisseur das Spiel mit dem Zeitparadox zu Spitzen gegenüber US-amerikanischen Mythen wie auch den Konzepten des Hollywood-Kinos. So ist der kometenhafte Aufstieg von Larry Stevens, der innerhalb von drei Tagen seine berufliche Erfüllung und nebenbei auch noch die Frau fürs Leben findet, ein beißend ironischer Kommentar zur Vorstellung eines Self-Made-Mannes. Stevens hat nur deshalb Erfolg, weil ihm sein Wissen ein Selbstbewusstsein verleiht, das bis zur Dreistigkeit geht; sein Talent als Schreiber und sein durchaus wahrnehmbarer Charme erscheinen daneben höchstens zweitrangig.

Auch hat er wenig von einem Hollywood-Helden, wie es sich bei der Todesprophezeiung erweist: Schlotternd und zunehmend apathisch versucht Stevens, seinem Schicksal zu entgehen, wobei sich der bodenständig wirkende Darsteller Dick Powell spätestens hier als optimale Besetzung herausstellt – Clairs erster Wahl Cary Grant hätte man ein solch verzagtes Verhalten wohl weniger abgenommen. Ein Coup ist auch die Figur des Schicksalsboten Pop Benson, ein kleiner Mann mit cherubimhaftem, glänzendem Gesicht, Anzug und Fliege, dessen genaue Hintergründe der Film im Dunkeln belässt. Halb mephistophelischer Charakter, halb warnender Engel, scheint er schwerelos durch Raum und Zeit zu gleiten; fast möchte man in ihm eine Manifestation der Zeit selbst vermuten.



Das Konzept der Zeit hat René Clair immer wieder beschäftigt

Diese Deutung liegt nahe, weil René Clair das Konzept der Zeit seit Beginn seiner Karriere immer wieder beschäftigt hat – nicht unter philosophischen Aspekten, sondern wegen der vielfältigen Möglichkeiten, diese im Film manipulieren und aufheben zu können. Schon sein früher Stummfilm „Paris qui dort“ (1925) hatte von einer Erfindung erzählt, die den Großteil der Einwohner von Paris in eine Schlafstarre versetzt, während das Leben für einige andere weiterläuft.

In „Was morgen geschah“ arbeitet Clair mit einer anderen Zweiteilung: Die erste Hälfte des Films ist von Verlangsamung geprägt, etwa in der verzögerten Erkenntnis der Hauptfigur, wie privilegiert ihre Situation ist. Im zweiten Teil schraubt Clair das Tempo jedoch immer weiter hoch: An Szenen auf der Pferderennbahn knüpft er eine rasante Verfolgungsjagd mit Kutschen an (ein Dieb hat den Renngewinn gestohlen) und fährt nach einer kurzen Unterbrechung – die Polizei hat Stevens’ Kutsche wegen „überhöhter Geschwindigkeit“ gestoppt – mit einer fußläufigen Hatz durch Häuser, über Dächer und durch einen Kamin (!) fort. Die wiederum unmittelbar zur Pointe des Films führt, die einmal mehr mit der Zeit zusammenhängt.

André Bazin befand in den 1950er-Jahren, dass René Clair in gewisser Weise stets ein Mann des Stummfilms geblieben sei, da seine Bildeinfälle wichtiger waren als die Dialoge. Der Filmhistoriker Richard Schickel hielt Clair dagegen für den Regisseur, der die Welt erst gelehrt habe, wie man eine Tonspur einsetzt.

„Was morgen geschah“, eine der vier Hollywood-Arbeiten von René Clair, bietet in jedem Fall herrliche nonverbale Gags. Wenn Larry Stevens auf einem Stuhl im Hinterzimmer eines Varietés die Meldung über seinen Tod erblickt und vor Schreck das Gleichgewicht verliert, begleitet dies ein Trommelwirbel auf der Bühne, der punktgenau mit einem Beckenschlag endet, als der Reporter auf dem Boden aufschlägt. Ein Timing, auf das auch ein Charlie Chaplin stolz gewesen wäre.


„Was morgen geschah“. USA 1944. Regie: René Clair. Mit Dick Powell, Linda Danell, Edgar Kennedy, Jack Oakie, John Philliber. 84 Min. Anbieter/Fotos: Pidax

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