Serie: Marcella

Die britische Krimiserie aus der Feder von Autor Hans Rosenfeldt („Die Brücke – Transit in den Tod“) wartet mit einer faszinierend kantigen Komissarin (Anna Friel) auf. Ein düsterer Stoff auf den Spuren des "Nordic Noir", ambitioniert umgesetzt.

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Marcella Backland, die Titelheldin der britischen Krimiserie aus der Feder des schwedischen Drehbuchautors Hans Rosenfeldt („Die Brücke – Transit in den Tod“) ist nicht gerade eine sympathische Bezugsperson: Sie ist voreingenommen, triebgesteuert, irrational, unbeirrbar, emotional und hektisch. Gleichzeitig aber ist sie auch so scharfsinnig wie klug; außerdem verfügt sie über ein untrügliches Gespür für ihren Job als Detective Sergeant bei der London Metropolitan Police.

In der ersten Staffel kehrt die von Anna Friel gespielte Ermittlerin nach längerer familiärer Arbeitspause wieder in den Polizeidienst zurück. Ihr Ehemann Jason (Nicholas Pinnock) trennt sich von ihr, ihre Kinder Emma und Edward wenden sich eher dem Vater zu. Und ein alter, ungelöster Fall taucht im Zusammenhang mit der Jagd nach einem Serienkiller wieder auf.

Frauen wie Marcella wurden in Filmen und Serien lange als anormal dargestellt und tauchten allenfalls als Antagonisten sympathischer Titelhelden auf. Doch die von Gillian Anderson in der Serie „The Fall“ (seit 2013) und Sarah Lancashire in „Happy Valley“ (seit 2014) verkörperten Ermittlerinnen sind wie Marcella Beispiele dafür, dass kantig-tiefgründige Frauenfiguren als vielschichtige Protagonistinnen in Krimis dienen können.

Marcella ist eine alleinstehende Mutter, die versucht, alles unter einen Hut zu bekommen. Aber nicht auf die Art, wie es von der Gesellschaft erwartet wird. Sie tut alles für ihre Kinder, zieht sie bei Fehlverhalten aber ähnlich herrisch zur Rechenschaft wie Verdächtige bei ihrer Arbeit. Liebevoll gestaltete Freizeitangebote fehlen gänzlich. Ihr Einsatz ist mehr vom Gerechtigkeitssinn geprägt als von Liebe und Mitgefühl. In den beiden bisherigen Staffeln ist ihr noch kein Lächeln über die Lippen gekommen. Auf offen ausgestellte familiäre Wärme würde man vergeblich warten. Allerdings ist Marcellas Rolle als Mutter lediglich ein Randaspekt neben der Polizeiarbeit, die sie in Staffel 2 auf die Suche nach einem Pädophilen-Ring führt.

In der Charakterisierung von Marcellas psychischer Verfassung spielen wiederkehrende und von Gewalt gekennzeichnete Blackouts eine wichtige Rolle. Diese werden vor allem soundtechnisch und visuell erschreckend offen und direkt, aber mit einem mysteriösen Unterton wiedergegeben. Die Inszenierungskunst eines David Lynch trifft hier sozusagen auf die von Frank Darabont. Neben und mit den Figuren der Erzählung spielen Einstellungen, Schnitte, Sounddesign und Montage entscheidende Rollen: „Marcella“ ist nicht zuletzt ein sinnliches Erlebnis. In Staffel 2 steuert diese expressive Gestaltung einem tragischen Höhepunkt entgegen. Die Bildgestaltung, unter anderem von der polnischen Kamerafrau Urszula Pontikos, beobachtet ihre Objekte sehr genau und eingehend, unterscheidet nicht zwischen Menschen und Gegenständen; in der Montage werden die Bilder mal temporeich und hart, mal sacht und langsam aneinander gereiht. Der dazugehörige Sound klingt oft unangenehm lange weiter, was mit dem Zuschauer einiges anstellt.

Die Erzählung wird durch und durch filmisch entwickelt. Die Elemente des Drehbuch, das auf den düsteren Spuren des Nordic Noir wandelt, fügen sich mit jeder Einstellung, jeder Betonung des Dialogs, dem Setting, den Kostümen, dem Sounddesign und der Montage zu einem wahren Gesamtwerk zusammen, dessen fesselnde Mélange mit einigen Überraschungen aufwartet. Die Handlungsstränge sind vielschichtig, nicht immer leicht zu durchschauen und finden zum Teil erst spät zusammen. Entsprechend hoch ist die Spannung, in der zweiten Staffel noch mehr als in der ersten. Im Grunde ist die Serie mit ihrer gebrochenen Heldin eine dystopische Vision der Gegenwart, ein bitterer, sarkastischer Kommentar zur aktuellen (Geistes-)Lage der Welt.

Anbieter/Fotos: Netflix

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