Ein Existentialist des Kinos

Ein Nachruf auf Claude Lanzmann (27.11.1925-5.7.2018)

Diskussion

Er legte Zeugnis ab vom großen Morden und befragt wie kein anderer die Ethik der Bilder: Claude Lanzmann, der mit 92 Jahre in Paris gestorben ist. Ein Großer aus dem 20. Jahrhundert, dessen Filme und Geschichten noch vielen Generationen etwas zu sagen haben.


Was für ein Einfall! Ein Friseur schneidet in New York einem Kunden die Haare. Währenddessen erzählt er die schrecklichsten Dinge, denn Abraham Bomba war 30 Jahre zuvor Häftling im Konzentrationslager Treblinka. Das ist eine der vielen Szenen aus „Shoah“ (1985), die man nie wieder vergisst. Es ist zugleich ein typischer Einfall von Claude Lanzmann. Keiner vermochte wie Lanzmann Menschen dazu zu bringen, von dem zu erzählen, woran sie sich nie wieder erinnern wollten.

„Shoah“, sein neunstündiger Dokumentarfilm über die Vernichtung der europäischen Juden, wurde zum Meilenstein der Erinnerungskultur wie des historischen Films, weil der Regisseur Wege jenseits des Gewohnten fand, um die Überlebenden zum Sprechen zu bringen, über das Unaussprechliche, den Mord und die Toten. Damit förderte er tief Verborgenes zutage, das kein Filmemacher vor ihm zu zeigen vermocht hatte.

"Shoah"
"Shoah"

Das ist das Paradox von „Shoah“, dass der Film nicht vom Überleben erzählen will, weil dies obszön wäre angesichts der Millionen, die nicht überlebt haben – und trotzdem die Überlebenden braucht, um dem Morden, dem Sterben und den Toten eine Stimme zu geben.


Eine Verteidigung der Bilder gegen ihren Selbstverrat

Lanzmann war an nichts so sehr gelegen wie an der Verteidigung der Bilder gegen ihren Selbstverrat. Er hasste das übliche Dokumentarfilmkino, das fortwährend kommentiert und Zitate kompiliert, um bestimmte Themen abzuhaken oder sogar Effekte zu erzielen. Lanzmann ließ die Augenzeugen aussprechen – und bot dem Ungeheuerlichen so Raum.

Vor allem aber zeigte Lanzmann Gesichter. In diesen Gesichtern erscheint alles. Der Terror. Das Grauen. Der Tod. All das Unvorstellbare, dessen Zeugen sie wurden, das sie mit ihren eigenen Augen gesehen haben und dem sie wie durch ein Wunder entkommen sind. Und dem sie doch nicht entrinnen können, weil es in der Erinnerung weiterexistiert.

Gleichzeitig misstraute Lanzmann aber jedem plumpen Realismus. Oder Originalaufnahmen, die im Fall der Lager ja von Tätern stammen mussten. Trotz seiner monströsen Länge gibt es in „Shoah“ keine einzige Sekunde aus dem Archiv. Dafür glaubte Lanzmann an die Worte und an die Dauer. Er konnte der Zeit Zeit lassen.


Filmessay mit Kunstcharakter: „Shoah“ (1985)

Lanzmann verstand „Shoah“ auch nicht als Dokumentarfilm, da für ihn das Geschehene alle bekannten Möglichkeiten der filmischen Darstellung sprengte. Er suchte nach einer neue Form, er wollte nichts rekonstruieren, sondern „Zeugnis abzulegen“ vom millionenfachen Morden. Sein Film sei ein Filmessay, so Lanzman, der nicht in erster Linie dokumentarischen, sondern einen Kunstcharakter besitze.

Es ist dieser Ansatz und die immer neue, immer kompromisslose Formulierung dessen, welche Bilder möglich und welche unmöglich sind, die mehr als alles andere, mehr als die atemberaubenden Augenzeugenberichte, von Claude Lanzmann bleiben werden. „Shoah“ hat das letzte Quentchen Unschuld aus den Bildern vertrieben; seither muss sich jeder Filmemacher fragen, ob ihm im Verhältnis zu seinem Gegenstand nicht bestimmte Darstellungsformen moralisch nicht untersagt sind.

Für die Verteidigung seiner Überzeugungen scheute Lanzmann vor keinem Kampf zurück. Bekannt geworden ist die Auseinandersetzung mit Steven Spielberg nach „Schindlers Liste“ (1993): „Ich dachte wirklich, es gäbe ein vor und ein nach „Shoah“. Dass man nach „Shoah“ bestimmte Form der visuellen Darstellung nicht mehr benützen kann. Spielberg hat das aber nicht interessiert.“ KZ-Insassen, so die felsenfeste Überzeugung von Lanzmann, können in ihrer Erniedrigung und Angst nicht von Schauspielern verkörpert werden. Eine Repräsentation der „Shoah“ sei kategorisch unmöglich; sie lässt sich in seinen Augen nicht auf Fragen bloßer Authentizität reduzieren.


Ein Leben im 20. Jahrhundert

Wer dem großen, breitschultrigen Mann mit der tiefen Stimme und der stolzen, auf den ersten Blick etwas unnahbaren Art begegnete, war erstaunt, dass Lanzmann, der mitunter wie ein mürrisch-unleidlicher Brummbär wirken konnte, ein überaus feinfühliger und ein geradezu demütiger Mensch war.

Er hat nahezu alles getan, was ein Mensch seiner Generation machen konnte: Mit 16 Jahren kämpfte der 1925 geborene Franzose jüdischer Abstammung in der Resistance gegen die deutschen Besatzer. Danach lebte er zwei Jahre als Soldat in Deutschland, lernte die Sprache des Feindes und studierte deutsche Philosophen. Er traf in Heidelberg Karl Jaspers, bevor er ins Paris der Existentialisten eintauchte. Der 20 Jahre ältere Jean-Paul Sartre war nicht nur Vorbild und Mentor, sondern wurde ein Freund und Weggefährte.

Seit Beginn der 1950er-Jahre bis zu seinem Tod amtierte Lanzmann als Herausgeber der von Sartre gegründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“, dem intellektuellen Sprachrohr der Existentialisten. Einige Jahre lang war Lanzmann, ein verführerischer „homme des femmes“, auch der Liebhaber von Sartres Lebensgefährtin Simone de Beauvoir; später war er zwölf Jahre mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff verheiratet.

Bis in die frühen 1990er-Jahre arbeitete Lanzmann als Journalist. Eine Israelreise Ende der 1960er-Jahre wurde für ihn zu einem Erweckungserlebnis in vieler Hinsicht. In der Folge besann er sich auf sein Jüdischsein und begann, zwölf Jahre lang für „Shoah“ zu recherchieren.


Erlebnisse eines patagonischen Hasen

Am Ende seines Lebens gelang Lanzmann mit seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ ein Bestseller. Gleichzeitig blieb er als Filmemacher aktiv. 2017 lief bei den Filmfestspielen in Cannes sein letzter Film, „Napalm“, eine autobiografische Erzählung über einen Aufenthalt in Nordkorea Mitte der 1950er-Jahre. Darin wurde er zum ersten Mal persönlich. Schon immer war er persönlich in seinen Filmen aufgetaucht, als Fragesteller aus dem Off, aber auch im Bild.

In „Napalm“ ist er selbst der Augenzeuge, der aus dem Off von der Begegnung mit einer Nordkoreanerin und dem Schock erzählte, als diese ihm ihre Napalm-Wunden zeigte. Ein einziges Mal wendet Lanzmann hier das Prinzip seiner Filme auf sich selber an: den Blick in die Gesichter, als Spiegelung der Vergangenheit im gegenwärtigen Ausdruck. Man hört und sieht ihn selbst in einer langen Erzählung. Das Wesentliche darin ist einmal mehr nicht das, was erzählt wird, sondern wie es geschieht.

„Alles was Menschen tun“, sagt Lanzmann in „Napalm“, sei ein Kampf um Unsterblichkeit. Die Pyramiden, die Tempel auf dem Peloponnes, „das sind unsere absoluten Zeitgenossen. Alles negiert den eigenen Tod.“ Darin sprach er auch über sich.

Seine anderen Filme sind Fußnoten, Epiloge und Ergänzungen zu dem Meilenstein „Shoah“, weshalb sie notwendigerweise in dessen Schatten stehen. Dabei ist „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ (2001) sein vielleicht persönlichster Film, weil er von einem extremen Ausnahmefall im großen Morden erzählt: dem geglückten Aufstand der Häftlinge eines Vernichtungslagers, ihre Flucht und das Überleben.

"Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr"
"Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr"

Vom Mut in ausweglosen Situationen

In „Shoah“ wäre das fehl am Platz gewesen. Hier aber ging es wie schon in seinem ersten Film „Warum Israel?“ (1973) um wehrhafte Menschen, um Widerstand, auch gegen das Absurde und Unmögliche. In „Sobibor“ zeigt sich, dass Lanzmann die besonders liebte, die handeln. Er schätze diejenigen mehr, denen es gelang, aktiv zu werden statt. Und er interessiert sich für Menschen, die den Mut haben, sich einer ausweglosen Situation zu stellen, eine Entscheidung auf sich zu nehmen, in der es keine einfachen Antworten und Auswege gibt, in der jede Entscheidung den Tod bedeuten kann. Für Menschen wie beispielsweise Benjamin Murmelstein, den von den Nazis eingesetzten „Judenälteste“ in Theresienstadt, das der Nazi-Propaganda als „Modell-Lager“, im NS-Jargon als „Ghetto“, diente; Murmelsteins tragische Geschichte hat Lanzmann in „Der Letzte der Ungerechten“ (2013) erzählt.

In diesem Interesse für existentielle Augenblicke, in denen sich wie in „Sobibor“ oder „Der Letzte der Ungerechten“ ein Leben entscheidet, entpuppt sich Claude Lanzmann als Erbe der Philosophie seines Lehrers Jean-Paul Sartre: als ein Existenzialist des Kinos.


Das Werk von Claude Lanzmann ist in Deutschland als DVD/BD bei absolutMedien erschienen.

Zu Ehren von Lanzmann zeigt arte am Samstag, 7. Juli, ab 20.15 Uhr „Shoah“ noch einmal komplett. Außerdem ist Lanzmanns Hauptwerk bis September auch in der arte-Mediathek verfügbar. Hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.


Claude Lanzmann
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